Übers Beutemachen an unruhig gewordenen Menschen

Geschichte wiederholt sich nicht, niemals. Doch strukturelle Ähnlichkeiten gibt es sehr wohl, sodass der Hegel’sche Satz, das Einzige, was man aus der Geschichte lernen könne, sei, dass noch nie etwas aus ihr gelernt wurde, nicht zwangsläufig wahr sein (oder: bleiben) muss. Ohne mit einem neuen konfrontiert zu sein, lassen sich etwa in Sachen diplomatischer Entspannung sicherlich Lehren aus dem (alten) Kalten Krieg ziehen; ohne aus einem Zuckerberg einen Rockefeller zu machen, lohnt in der Frage, wie mit allzu mächtigen Unternehmen umzugehen sei, bestimmt auch ein Blick auf die vorletzte Jahrhundertwende; ohne schließlich Nazi zu sagen und die AfD samt Anhänger zu meinen, kann auch der Rückblick auf die 20er und 30er Jahre, auf den Aufstieg der Rechten und die Schwäche der Linken, erhellend für die Gegenwart sein. Weiterlesen

Zweierlei Verdeckendes

Manche Dinge stehen am falschen Ort; Gewohnheit oder Täuschung können sie dort platzieren – das eine ist menschlicher Irrtum beruhend auf eingeschliffenen Wahrnehmungsschemata, das andere Herrschaftsinstrument. Diese Differenzierung lässt sich anhand Swetlana Alexijewitschs Tschernobyl-Buch verdeutlichen – was zuvorderst ein literarischer Text ist, steht im Buchgeschäft bei den Sachbüchern, was eine Reaktorkatastrophe ist, wird von vielen Betroffenen unter die Kriege sortiert. Weiterlesen

Kleine Welten

Gewöhnlich werden Menschen an der Realität nüchtern; manchmal allerdings auch an der Fiktion, sofern diese sich auf die Realität versteht. David Simons Serie „The Wire“ tut dies; naturalistisch im Anspruch zeigt sie eine Vielzahl ihrer Figuren – Polizisten, Drogendealer, Hafenarbeiter, Lehrer, Politiker und Journalisten aus Baltimore – eingeschlossen in kleinen Welten. Die Funktionsweise dieser Welten ähneln einander, was erst in der von der Serie geleisteten Gesamtschau erkennbar wird: Nicht weniger als die Misere des postindustriellen Kapitalismus wird hier in einiger Breite dargestellt. Dieser Überblick ist die große Stärke von „The Wire“; zugleich macht er deutlich, was der Serie fehlt: Die Momente, in denen ein Blick über das Diagnostische hinaus gewagt wird, sind äußerst spärlich. Was zu machen sei mit all dem Elend, wie es überwunden werden könnte, ohne vorläufiges Stückwerk hervorzubringen, wird nicht gezeigt. Die zu ziehenden Konsequenzen sind dem Zuschauer überlassen; sie können wohl nicht radikal genug sein. Weiterlesen

Wider blindes Expertentum

Wo es arbeitsteilig zugeht, ist der Experte nicht weit. Gegenwärtig krabbelt er aus allen Winkeln, die Universität spuckt ihn zu Zehntausenden aus (einer ihrer Tribute an die Wirtschaft), Zeitungen und Fernsehanstalten scheint er zum Fetisch geworden zu sein. Mit dem Expertentum drängen die Debatten vor allem auf Entscheidungen, nicht so sehr auf Erkenntnis. Nicht ein argumentativer Austausch, der auf ein Gegenüber im Gespräch angewiesen ist und sich auf größere Zusammenhänge einlässt, der aufs Zuhören setzt und auch mit einem offenen Ende leben kann, sondern das feste Resultat beherrscht den Zeitgeist – derweil der vermeintliche Gesprächspartner möglichst geschlagen im Staub der Debatte liegen soll. Weiterlesen

Ambivalenz im Fortschritt – Tykwers „Wolkenatlas“

Manch einem Kunstwerk wird Unrecht getan, nicht weil jemand in seinem Urteil irrt, sondern weil Entscheidendes unberücksichtigt bleibt. So ist es Tom Tykwers Film „Cloud Atlas“ ergangen: thematisch überfrachtet, größenwahnsinnig im Anspruch, zu lang, zu viel Pathos, gekrönt schließlich von einigen Albernheiten, so lauteten die Urteile. Nichts davon ist falsch, doch stehen eben diese Schwachpunkte neben einer wichtigen Leistung des Films, dem Erfassen der Ambivalenz im historischen Fortschreiten. Weiterlesen

Der Wert der Werte – Über einen Tauschhandel

Nach der Moral wird am Ende gefragt, wenn die Folgen unethischen Verhaltens für jedermann sichtbar sind – das ist ein alter Hut. Als etwa die Kapitalmärkte blühten, in den Jahren vor 2008, hat kaum jemand ethische Abwägungen darüber angestellt, was eigentlich genau in den Banken mit fremder Leute Geld angestellt wird. Derlei Abwägungen hätten das Geschäft ausgebremst, zudem einen stillschweigend eingegangenen Tauschhandel in Frage gestellt. Weiterlesen

Die Idylle Europa

Viele Menschen wollen sich im Anderen gespiegelt sehen; am nächsten ist ihnen, was Ähnlichkeit aufweist. Vermeintlich idyllisch geht es zu, wo einen Vertrautes umgibt, Veränderungen – wenn überhaupt – nur berechenbar eintreten. Das Fremde bricht in ein solches Idyll als Verunsicherung ein, es macht zementiert Geglaubtes porös. Deshalb hat bisher noch jede Idylle eine kaum passierbare Grenze umgeben – so auch die Idylle Europa, die als Zerrbild rechtskonservativer Politik heute lebendiger denn je ist. Weiterlesen

Montage contra Krieg

Vieles hat seinen gewöhnlichen Platz, ist durch die Konvention gebunden. Vor allem Sprachliches, allgemeiner: Kulturelles, überkommt die Menschen mit einer scheinbar festen Bedeutung; qua Geburt scheint es in dieser Hinsicht kein Entkommen zu geben: Die Zeichen präsentieren sich mit starrem Verweis. An der Kunst ist es, hieran zu rütteln. Sie kann montieren, Kulturelles in fremden Kontexten platzieren, so die Konvention brechen und neue Bedeutungen schaffen. Mitunter ist dieses Neue wie eine Klärung, wie ein Herabsinken von Schleiern – die Gewohnheit war dann nur Täuschung, zuweilen weit entfernt von der Realität. Zwei Beispiele, beide blutig: Weiterlesen

Das gute Geschlecht?

Frauen nur als Dienstmädchen und Haushälterinnen zu kennen, ist der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern abträglich; ebenso abträglich ist ihr, sie nur als Engel wahrzunehmen, als sanftes (weil schwaches) Geschlecht. Insbesondere die amerikanische Kultur gibt Zeugnisse von letzterer Verzerrung, gespeist aus überbordendem (häufig väterlichem) Beschützerinstinkt, Ritterlichkeit oder der Suche nach einem Anker für das Gute in der Welt. Weiterlesen

Sprachlicher Etikettenschwindel – ein Streifzug

Wörter mit vernebeltem Verweis, mit einem Bezeichneten, das mitunter in sein Gegenteil verkehrt ist, waren an dieser Stelle bereits Thema; dies gleich in Reihe: der humanitäre Einsatz oder die Stabilisierungsmission für den Krieg, das Hilfspaket für die Kreditknechtschaft, das Taschengeld von Staates Gnaden für die rechtmäßige Geldleistung an den Flüchtling. Das Phänomen hat seine Breite – historisch und innerhalb des politischen Spektrums. Anhand weiterer Beispiele soll diese punktuell umrissen werden. Weiterlesen