Wie trotzt wenig überzeugender Argumente zu korrekten Einsichten gelangt werden kann, bewies jüngst Christian Reiermann mit einem Essay im SPIEGEL über die Widerstandsfähigkeit des Kapitalismus. Dieser sei „Nicht kaputt zu kriegen“ (Der SPIEGEL, 24/2020, S. 78-79), auch nicht in Zeiten von Corona. Unter den Kapitalismuskritikern macht der Autor von Karl Marx bis Kevin Kühnert (man beachte das Gefälle) eine Ahnenreihe der Untergangspropheten aus, die seit knapp 150 Jahren Irrtum an Irrtum reihten.

Wie so häufig, wenn es darum geht, ihn als Zerrbild zu zeigen, wird aus dem Philosophen der politischen Ökonomie der tapsige Onkel mit Kristallkugel. Dass Marx kaum je ein Wort über die Ausgestaltung der kommunistischen Gesellschaft verlor, dass er auch nicht zuerst von „Todesstoß“, „Ende“ oder „Untergang“ des Kapitalismus, sondern von dessen Aufhebung innerhalb einer entwickelten Industriegesellschaft (möglichst im globalen Maßstab) sprach, hindert Reiermann nicht daran, ihn als Nostradamus zu enttarnen. Die dialektische Synthese des Widerspruchs von Kapital und Arbeit, i.e. eine Demokratisierung hinsichtlich des Besitzes an Produktionsmitteln, bricht nicht mit kapitalistischen Errungenschaften hinsichtlich Produktivität und Wohlstand; im Gegenteil, sie ist auf sie angewiesen. (Mehr als wohl so manch einer seiner Kritiker brachte Marx selber Bewunderung auf für die kapitalistische Entfesselung der Produktivkräfte). Was ein „Untergang“ und „Ende“ erfährt, ist lediglich die Herrschaft der Wenigen über die Masse, die Privatisierung der Erträge gesellschaftlicher Arbeit. Allein wer für diese Tatsachen blind bleiben möchte, kann Sozialismus und Kommunismus ausdauernd mit Not und Elend verknüpfen. Billiger noch als jeder Ladenhüter, als aller vom Kapitalismus hervorgebrachter Ramsch ist die Einsicht zu haben, dass Venezuela und Nordkorea „schon ohne Pandemie keine Sehnsuchtsorte“ gewesen seien. Im nächsten Satz muss dann die DDR herhalten als ewig frisches Schreckensbild für all jene, die geneigt sein könnten, Kapitalismuskritikern Gehör zu schenken. Für seine Apologie des Status quo nimmt Reiermann die Propaganda von Diktaturen, und seien sie schon vor dreißig Jahren untergegangen, gerne für bare Münze. Sozialismus existiert nur als Verhunzung, so viel steht bereits vor jeder Kapitalismuskritik fest; das griffige Churchill-Zitat (der Kapitalismus verteile zwar die Güter ungleich, der Sozialismus dafür aber das Elend gleich) sowie die Bebilderung des Essays mit einem Graffito Karl Marx‘, der mit Plastiktüte in der Hand in einem Mülleimer wühlt, sorgen für hinreichende Abrundung.

Überhaupt, Kapitalismuskritiker sind für Reiermann nicht nur Verfechter der Armut, sondern auch der Selbstüberschätzung verdächtig. Wie jedoch die Identifikation einer Verelendung der Massen, einer Machtkonzentration in den Händen von Magnaten oder eine galoppierende Staatsverschuldung als „Grundübel des Kapitalismus“ durch seine Kritiker den Schluss zulässt, diese nähmen sich selbst zu wichtig, bleibt ein Geheimnis. Mutmaßlich meint Reiermann, sie nähmen ihre eigene Gegenwart zu wichtig. Haben doch für den Autor die genannten Übel mit dem Kapitalismus letztlich gar nichts zu tun; sie sind dem Wirtschaftssystem lediglich zu überwindende Probleme. Es ist bezeichnend, dass das folgende Beispiel dann die Perspektive drastisch verengt – von einer Verelendung der Massen oder einer kaum je abzahlbaren Staatsverschuldung hin zu Pferdeäppeln. An diesen drohte New York, der Big Apple (an dem Kalauer war kein Vorbeikommen), Ende des 19. Jahrhunderts zu ersticken, der vielen Kutschpferde sei Undank. Doch Rettung war in Sicht: „Der Kapitalismus sorgte bekanntlich dafür, dass mit dem Auto eine Alternative zum Vierbeiner entstand.“ Dieser Satz nun ist vor allem ideologietheoretisch interessant. Durch und durch markt- und wettbewerbshörig vertauscht Reiermann Subjekt und Objekt. Das herrschende Wirtschaftssystem wird zum Handelnden, die Menschen zu seiner ohnmächtigen Verfügungsmasse. Den Produkten wird eine geisterhafte Kraft über ihre Produzenten zugesprochen. Marx erfasste dies mit dem Begriff des Fetischs, wovon Reiermann natürlich nichts wissen kann, kennt er den Philosophen doch nur als Scharlatan mit Prophetenblick.

Das Vorhaben, den Kapitalismus zu Brandstifter und Feuerwehr in einem zu machen, hört unterdessen beim Pferdekot nicht auf, wobei der Fokus aufs Kleinteilige erhalten bleibt: Umweltschutz und Klimawandel müssen – um für die Reiermannsche Argumentation dienstbar zu sein – im regionalen Maßstab stattfinden. Vom Abholzen der Regenwälder, Artensterben, Verschmutzung der Meere, extremen Wettereignissen, Dürre und Missernten ist besser nicht die Rede, wenn der Kapitalismus zum Mittel der Weltrettung ernannt werden soll. Stattdessen wird gefeiert, dass es an Rhein und Ruhr wieder Badestrände gäbe und auch die Abgase der Industrieschlote ein bisschen weniger giftig seien als noch vor einigen Jahrzehnten. Der Scheuklappenblick offenbart Reiermann nun den Umweltschutz als neuen Wirtschaftsmotor: „Wachstum, sein [des Kapitalismus] ewiges Schmiermittel, bedeutet dabei nicht immer mehr Verbrauch natürlicher Ressourcen, sondern deren bessere Nutzung oder sogar Schonung.“ Ist es schon reichlich unsinnig, „bessere Nutzung“ und „Schonung“ von Ressourcen als Gegenteil zu „mehr Verbrauch“ einzuführen, so fällt das Ideologiegerüst, die Verkehrung von Tatsachen, im globalen Maßstab vollends in sich zusammen. Kapitalistisches Wirtschaftswachstum bedeutet weltweit eben doch unverändert Raubbau an der Natur.

Worin nun bestehen die eingangs genannten korrekten Einsichten Reiermanns? Zum einen liegt er richtig damit, dass die ökonomischen Verwerfungen durch das Coronavirus nicht zu einem „Ende“ des Kapitalismus (auch nicht zu seiner Aufhebung) führen werden. Für den Schritt zu grundsätzlich Neuem fehlt es an einer Massenbasis; auch verschärft die Pandemie kapitalistische Missstände lediglich, kann jedoch nicht – auch dies erkennt der Autor – als ursächlich für sie angesehen werden. Die Menschen grübeln über Lockdown und politisches Krisenmanagement, über Impfstoffe und Immunisierungsstrategien, nicht aber über das Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus wird wohl auch durch diese Krise neuen Rückenwind bekommen; die Vernichtung von Kapital und Arbeitsplätzen gepaart mit einem eingeschränkten Konsum schaffen die Voraussetzungen für eine ordentliche Frischluftzufuhr beim Neustart.

Doch macht es sich Reiermann zu einfach, wenn er mit der Widerstandsfähigkeit des Kapitalismus (die, auch hier liegt er richtig, Marx nicht erahnte) die Kritik an ihm denunzieren möchte. So wenig, wie die Pandemie tauglich ist, den Kapitalismus aufzuheben, so wenig spricht sie gegen eine kritische Analyse seiner Grundfesten. Nur weil er sich als langlebig zeigt, sollte der Kapitalismus nicht naturalisiert und seine Schwächen zu Stärken umgedeutet werden. Dass derartige Kritik zuvorderst die Offenlegung immanenter Widersprüche bedeutet und nicht, wie Reiermann es nahelegt, den Blick in die Kristallkugel, sollte für selbstverständlich gelten. Denn letztlich bleibt wahr, und hier kann man sich zum Schluss dann doch an den Essay halten: „Trotz seiner Widerstandsfähigkeit besitzt der Kapitalismus wie alles Menschenwerk keine Ewigkeitsgarantie.“

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