12.02.2020  /  21:04

Interview in der ZEIT mit Marco Sinervo, Kopf einer Modelagentur. Das gesamte Gespräch ist eine einzige Zumutung; an kritischen Nachfragen: ein bisschen was zu Magersucht, ansonsten: nichts! Nichts über das totale Zur-Ware-Werden junger Menschen, über ihre Verwandlung in ein Produkt, an dem einzig die Verpackung interessiert; stattdessen das kaum erträgliche Lamento des Interviewten: Instagram sei undank, halte sich heute jeder für ein Model. Und, schlimmer noch, den Deutschen fehle leider der Biss. Der Wille, das Leben als wandelnder Kleiderständer zu verschwenden, scheint hierzulande nicht sehr ausgeprägt. Herr Sinervo, der seines in Oberflächlichkeit und Nichtigkeit längst vertan hat, schlussfolgert: „Es gibt gute Mädchen, die viel mehr aus sich machen könnten – aber unser ganzer Wohlstand steht uns im Weg.“ Ja, wo sind Elend, Hunger und Krieg, wenn der Kleiderstangen-Kapitalist sie brauchen kann? Wo ist das Land, nicht das, in dem die Zitronen blühen, sondern das, in dem der Biss buchstäblich verstanden werden muss – aufs fehlende Brot gerichtet. Zum Glück, weiß Herr Sinervo, schaffen Russland und Südamerika Abilfe. Auf wie vielen Modeschauen muss man gewesen sein, um so zu sprechen? Wie lange muss man in der Wirtschaftsredaktion der ZEIT gearbeitet haben, um derartiges Gerede einfach hinzunehmen?

 

09.02.2020  /  18:37

Im SPIEGEL ein Artikel über eine depressive Sportlerin: Die Nackenschläge werden aneinandergereiht; der Moment, ab dem es richtig bergab geht, wird wie folgt beschrieben: „Mittermüller – Einser-Abitur, IQ von 136 – verliert den Halt.“ Man merke, was beim SPIEGEL als Immunisierung gegen psychische Erkrankungen durchgeht: Hochschulüberreife und ein hoher Intelligenzquotient. Vielleicht ist das Gegenteil näher an der Wahrheit.

 

08.02.2020  /  00:17

Alexandre Dumas, von einem Rassisten wegen seiner Abstammung von Schwarzen angegangen: „Ja, in mir fließt schwarzes Blut. Mein Vater war Mulatte, mein Großvater ein Neger und mein Urgroßvater ein Affe. Unsere beiden Familien sind also gleicher Abstammung. Nur dass bei ihnen der Stammbaum in die umgekehrte Richtung weist.“ (zitiert nach: Danilo Scholz, Ins Bild gerückt. Zur Geschichte des französischen Kolonialismus, in: Merkur 11/2019, S. 29)

 

07.02.2020  /  13:36

Dass sich Bürgerliche lieber von Nazis ins Amt hieven lassen als einen Linken in der Regierung zu bestätigen, ist kaum überraschend. Antidemokratische Handreichungen dieser Art haben ihre schlechte Tradition, nicht nur in Deutschland. Auch nicht überraschend ist der Aufschrei der ritualisiert Empörten; er ist zentraler Bestandteil des in Gang gesetzten Gewöhnungswerks. Bald schon werden die Maulhelden der Demokratie mit ihm ihre Schuldigkeit als getan ansehen. Ein paar Jahre noch und sie werden Koalitionen eingehen. Die begleitenden Phrasen liegen ihnen längst auf der Zunge: Als Demokrat müsse man kompromissfähig sein; man wolle nur mit den vernünftigen Kräften innerhalb der AfD zusammenarbeiten; pauschale Verteufelungen brächten niemanden weiter usw. usf.