Irgendwann einmal wird man die Gegenwart, die dann Vergangenheit sein wird, nach ihren wesentlichen Zügen befragen, und auf der Suche nach Antworten auch zu den Büchern Juli Zehs greifen. Neujahr, ihr jüngster Roman, macht da keine Ausnahme; gleichwohl der gesellschaftlichen Diagnose, die der Text in seinem ersten Teil stellt, schlussendlich – wenig überzeugend – eine individuell-psychologische Ursache unterlegt wird.

Henning und Theresa, ein junges Paar in ihren Dreißigern mit zwei kleinen Kindern, beide berufstätig, beide in die Erziehung des Nachwuchses involviert, verbringen die Zeit ‚zwischen den Jahren‘ auf Lanzarote. Das Räumliche der Redewendung erfassend, hat Ernst Bloch diese Zeit einmal eine Landschaft der Erinnerung genannt; märchenhaft sei zuweilen der Blick zurück am Jahresende – für Henning allerdings ist er vor allem erschreckend, reicht auch weit hinter die vergangenen zwölf Monate zurück, spült Unbewusstes hervor. Der Urlaub gerät für ihn zu einer Art Therapiesitzung, in der lange verdrängte Kindheitserinnerungen heraufgeholt werden. Doch dazu später mehr.

Notwendig gemacht hat die Reise der Alltag in Göttingen – nicht so sehr für Theresa, mehr für Henning, der dann auch Flug und Unterkunft heimlich bucht, nicht um seine Frau zu überraschen, sondern um ihren Widerstand zu umgehen. Henning ist auf Felgen unterwegs, leidet seit zwei Jahren bereits unter Panikattacken, hat sich selber verloren, irgendwo zwischen Beruf, Kindern und Haushalt. Dies jedoch nicht, und hier nun setzt die Gegenwartsdiagnostik des Romans ein, weil ihn die schiere Masse an Arbeit überfordern würde (die Hälfte der Tätigkeiten übernimmt schließlich seine Frau), sondern es ist die Vielzahl an Rollen, verknüpft mit der eigenen Erwartungshaltung, sie alle gleichzeitig – und gleich gut – ausfüllen zu müssen, die ursächlich für seine Überforderung ist. Er hat nicht allein Geld heranzuschaffen und den Haushalt am Laufen zu halten, sondern zugleich Erfüllung in all seinen Arbeiten zu finden; er hat Theresa nicht nur Partner zu sein, sondern ihr zugleich auch den Liebhaber zu erhalten; er hat den Kindern nicht allein Papa, sondern auch Spielkamerad und Entertainer zu sein. Zu letztgenanntem Punkt bemerkt der Erzähler: „Er [Henning] denkt, dass da etwas nicht stimmt. Als Henning klein war, wären er oder seine Schwester niemals auf den Gedanken gekommen, die Mutter zu fragen, ob sie mit ihnen spielt“ (Juli Zeh, Neujahr, München 2018, S. 11).

Zugleich sind in den vergangenen Jahrzehnten reichlich Narrative abhandengekommen, die einem bei der Bewältigung dieses Blumenstraußes an Aufgaben entlasten konnten. Niemand wird heute mehr ernstlich irgendeinen Gott, das Schicksal oder auch nur die gesellschaftlichen Verhältnisse bemühen, um sein eigenes Scheitern zu erklären. Der Mensch steht gegenwärtig ohne jeden Panzer da, ganz schutzlos ist er der Schuld des eigenen Versagens – im Beruflichen als auch im Privaten – ausgeliefert. Umso wichtiger ist es, zumindest die Kontrolle zu behalten (auch wenn es sich tatsächlich nur um die Illusion von Kontrolle handelt), einen Plan zu haben, der einem vorgibt, was zu tun ist. Was der Bewältigung des Alltags dienen soll, wendet sich jedoch allzu leicht gegen den Menschen – insbesondere im Privaten. Dem Zeit- und Planungsdiktat unterworfen, erodiert die Familie – eigentlich eine der letzten Enklaven individueller und gemeinschaftlicher Autonomie –, weil sie von den Gesetzmäßigkeiten des Ökonomischen eingemeindet wird. Die Beschäftigung mit den Kindern wird als Quality Time deklariert, die Unwägbarkeiten des Alltags werden zur Gefahr für den Businessplan Familie, Hilfestellungen für die Partnerin schließlich werden zur Vorleistung in einem unablässigen Tauschverhältnis, dessen Ergebnis Null zu sein hat.

Wenig verwunderlich ist vor dem skizzierten Hintergrund, dass Hennings Lieblingswort „funktionieren“ ist: Sorgenfrei ist unter dem Banner der totalen Eigenverantwortlichkeit derjenige, der all seine Zwecke zu erfüllen imstande ist. Allein, die Realität funkt einem zuverlässig dazwischen – etwa in Gestalt der Einsicht, dass sich dem Beruf (Henning arbeitet als Lektor in einem Verlag) in Teilzeit nicht auf die Art und Weise gewidmet werden kann wie in Vollzeit; Arbeit bleibt liegen. Oder in Gestalt der Tatsache, dass die Kinder auf der Suche nach Trost, ihre Mama verlangen – ignorierend, dass die elterliche Arbeitsteilung gerade nur den Vater im Angebot hat. „Bibbi und Jonas [die Namen der Kinder] interessieren sich nicht für die Regeln der modernen Emanzipation. Sie wollen Mama, weil sie Mama ist“ (ebd., S. 44).

Das größte Hindernis allerdings für den ausufernden Funktionalismus, in den das Leben eingepfercht wird, sind Hennings Panikattacken. Übermannen sie ihn, ist er zu nichts mehr zu gebrauchen. Auch im Urlaub bleibt er nicht von ihnen verschont; die Angst überfällt ihn etwa in der Neujahrsnacht, nachdem er die Tage zuvor ausdauernd Gedanken über die sich daheim, in Deutschland, auftürmende Arbeit wälzte (während er sich auf einer Insel im Nichtstun übt), nachdem die Kinder sich im Ferienhaus zu langweilen begannen (weil er ihnen nicht genug Spielkamerad ist), nachdem schließlich Theresa beim Silvesteressen heftig mit dem Franzosen vom Nebentisch flirtete (weil er ihr nicht genug Liebhaber ist); da schreckt Henning also aus dem Schlaf hoch, greift instinktiv nach seiner Frau, die ihrerseits hochfährt – und ausflippt: Sie habe die Schnauze voll von dem Theater, er solle sich endlich zusammenreißen, seine Neurosen belasteten die ganze Familie. So hagelt es also nieder auf den dysfunktionalen Mann. Und aus funktionaler Perspektive ist die Reaktion sogar verständlich, ist doch die Frau mit mindestens ebenso vielen Rollen konfrontiert wie der Mann, hat zudem noch die Bürde zu tragen, bei allem fantastisch aussehen und immerzu fröhlich sein zu müssen. Daneben auch noch Sorge um das seelische Gleichgewicht des Partners zu tragen, kann da leicht der berühmte Tropfen im dann überlaufenden Fass sein. (In diese Diagnose braucht im Übrigen kein Plädoyer für Rollenbilder von anno dazumal hineingelesen zu werden – der Mann bei der Arbeit, die Frau in Küche und Kinderzimmer. Vielmehr geht es wohl darum, überhaupt eine eindeutige Aufgabenverteilung zu finden, ungeachtet dessen, wer im Einzelnen welchen Part übernimmt.)

Was der Roman im ersten Teil an Saat auslegt, gedeiht nur teilweise im zweiten. Die Vereinbarkeitslüge, alle Rollen zugleich und vor allem gleich gut ausfüllen zu können, tritt in den Hintergrund. Der Text verlegt sich stattdessen, wie eingangs angedeutet, aufs Unbewusste. Nicht eben subtil werden Hinweise gestreut, Henning sei irgendwann bereits einmal auf Lanzarote gewesen. Insbesondere auf einer spontan am Neujahrsmorgen allein angetretenen Radtour, einen Berg hinauf, häufen sich für Henning seltsam vertraute Eindrücke. In diesen Passagen schmeckt der Roman zuweilen etwas sehr nach psychoanalytischem Proseminar. Vom erinnerten Kindheitstrauma, das Henning auf der Bergspitze erwartet, soll dann alles erklärbar werden: deshalb also ausgerechnet Lanzarote, deshalb jener Berg, den es zu bezwingen gilt, deshalb jenes abseitige Haus, das Henning halb unbewusst auf der Suche nach Wasser ansteuert (seine Flasche hatte er im Ferienhaus vergessen), und deshalb nicht zuletzt auch die Panikattacken, die ihn quälen. Zur Schalheit trägt vor allem auch die abgegriffene Raummetaphorik bei: Die Therapiearbeit auf dem Radl beginnt im finsteren Tal des Unbewussten, um in höheren Gefilden, auf dem Berg, das Trauma zutage zu fördern; dieses Schema wiederholt sich am Ende des Romans, als Henning Einzelheiten der geborgenen Erinnerung mit alten Familienbildern abgleichen will. Das Album holt er, natürlich, aus dem dunklen Keller des Hauses, um es ganz nach oben, ins lichte Obergeschoss zu tragen, und dort sein Kindheitserlebnis bildlich bestätigt zu finden.

Illustration des Weges der Romanfigur
Therapiearbeit auf dem Fahrrad – Hennings Weg von Playa Blanca hinauf ins Bergdorf Femés, Lizenz CC by 3.0, Urheber Edgar El, Original

Die Plumpheit der Erklärung für Hennings Probleme macht Zeh mit der Beschreibung des erinnerten Traumas zum Teil wiedergut: Henning ist tatsächlich bereits einmal auf Lanzarote gewesen, als Kleinkind mit seinen Eltern und seiner damals zweijährigen Schwester Luna. Ein Gemisch aus Unglück und Unverantwortlichkeit seitens der Eltern führt dazu, dass die Kinder im einsam gelegenen Ferienhaus zwei Tage auf sich allein gestellt sind. Von der morgendlichen Überraschung, in einem verwaisten Haus aufzuwachen, über die anfängliche Hoffnung, die Eltern werden sicher bald zurückkehren, bis zu wachsender Verzweiflung und Verwahrlosung entwickelt die Erzählung (aus der Perspektive des kleinen Hennings) in diesen Passagen einen Horror, der selbst im entsprechenden Genre selten anzutreffen sein dürfte. Beschrieben werden schleichende Verdrängungsprozesse: Die Verbote der Eltern, nicht in der Küche herumzuturnen oder das verunreinigte Leitungswasser zu trinken, werden von Hunger und Durst verdrängt, die Hoffnung auf Rettung von der Einsicht, auf sich gestellt zu sein, die Zuneigung des großen Bruders zu seiner Schwester schließlich von der Erkenntnis, da auch eine Konkurrentin um stetig schrumpfende Vorräte um sich zu haben. Und während sich das Ferienhaus langsam in ein Schlachtfeld aus Essensresten, Urin und Kot verwandelt, durchdringt alles die verzweifelte Hilflosigkeit des kleinen Jungen. „Dieses Nicht-Wissen ist das größte Ding, das ihm je begegnet ist, größer als die Berge, die Sonne und der Himmel, es ist ein schwarzes Nichts und so groß wie das Weltall selbst“ (ebd., S. 141).

An dieses Erlebnis nun dockt Henning seine vielfältigen Probleme an, hier liegt die Ursache für seine Überforderung: „Er ist traumatisiert, und zwar schwer, jeder Psychologe wird das bestätigen“ (ebd., S. 188). Der Selbstdiagnose folgt die feste Überzeugung, nun werde alles gut, nun könne er alle ihm zugewiesenen Rollen wieder hinreichend ausfüllen. Dass dies Teil des Problems ist, geht Henning nicht auf.

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