„Wenn sich jetzt so viele herauslügen, sie haben nichts gewußt, so gibt es doch ohne Zweifel Menschen, die es eigentlich nicht gewußt, aber dunkel geahnt haben: da geschieht etwas Schreckliches. Ich denke an eine greise, 80 jährige Jüdin in Heidelberg, die deportiert werden sollte und noch einige Tage Zeit hatte bis zu dem Termin des Abtransports, sie nahm sich das Leben. Da kam der Gestapo-Mann, der alle Tage kam, und wie er sah, sie ist tot, trat er ans Fenster mit wirklicher Ergriffenheit und sagte: Das haben wir doch nicht gewollt.“ (Augstein, Rudolf, „Für Völkermord gibt es keine Verjährung“ – SPIEGEL-Gespräch mit dem Philosophen Karl Jaspers, in: Der SPIEGEL, 11 (1965), S. 64.)

Vom letzten Satz der Anekdote des Philosophen Karl Jaspers über das Wissen der Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus geht eine geradezu kindliche Unschuld aus, als sei im allzu wilden Spiel ein nicht fassbares Unglück geschehen, dessen Konsequenzen nun ausgestanden werden müssen. Doch woher kommt die „wirkliche Ergriffenheit“, die Jaspers dem Gestapo-Mann attestiert? Wahrscheinlich hatte er bereits dutzende, vielleicht gar hunderte andere Menschen abgeholt. Wahrscheinlich wusste er auch oder er ahnte zumindest, welch schreckliches Schicksal all diesen Menschen bevorstand. Warum also bewegte ihn ausgerechnet der Selbstmord einer greisen Jüdin?

Es wird vor allem daran gelegen haben, dass er in dem Moment, da er die alte Frau tot auffand, einer Rolle beraubt wurde, der – in Bezug auf das eigentlich vorgesehene Ende des Opfers – in großem Maße Mittelbarkeit zugeschrieben werden konnte. Es war seine Aufgabe all jene Menschen einzusammeln, von denen ihm gesagt wurde, dass sie eingesammelt werden mussten. Unabhängig davon, ob die Propaganda seine Gedanken verbogen hatte, sein Charakter seit jeher von besonderer Obrigkeitshörigkeit geprägt war oder er schlicht ein überzeugter Nationalsozialist war, zeichnete sich seine Rolle durch einen räumlichen als auch durch einen zeitlichen Abstand zur Ermordung der Opfer aus. Diese Distanz löste die Konturen der Täterschaft auf und machte eine menschliche Nähe im entmenschlichten Apparat möglich.

Das Opfer-Täter-Verhältnis spielte in der Situation der Festnahme eine untergeordnete Rolle. Die Gewalt war zwar auch zu diesem Zeitpunkt allgegenwärtig, allerdings war sie noch stumm – die Züge, die Lager und die Gaskammern waren noch fern. Man wurde zum ‚Arbeitseinsatz‘ abgeholt, der irgendwo in der Fremde verrichtet werden sollte. Man wurde enteignet und abtransportiert, weil man jüdisch war – eine Begründung, an der jeder denkende Mensch verzweifeln muss. Als solche traten die Beamten von der Gestapo nicht auf; sie waren Mittelsmänner, die gehorchten – was sie nicht entschuldigt, sondern – mit Blick auf die Personen und Ideen, denen sie gehorchten – lediglich ihre moralische Verrohung unterstreicht. So herrschte oftmals wohl ein stilles Einverständnis zwischen Verhaftendem und Verhaftetem darüber, dass ersterer auf der Grundlage der Befehle Dritter handelte und da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht um das eigene Leben ging, konnte die Pflichterfüllung die Unmenschlichkeit noch notdürftig überdecken. Je größer die Distanz zu den unmittelbaren Gräueln war, desto eher erschien der Verhaftende nicht als das seelenlose Rädchen im Tötungsapparat, das er war. Er konnte noch als Mensch auftreten.

Es wirkte hier eine verinnerlichte Maxime der kapitalistischen Gesellschaft: ein Rädchen im Zahnrad der arbeitsteilig eingerichteten Maschinerie sein, deren Wirken nicht überblickt, erst recht nicht verstanden wird; viele möchten sie auch nicht verstehen – das ist in der Fabrik nicht so sehr anders als im Tötungsapparat. Die meisten Menschen begnügten sich damit, ihre eigene Funktion auszufüllen, und wurden so zu Verbrechern, ohne je ein verbrecherisches Motiv gehabt zu haben. Dies war etwa Eichmanns ganze ‚Verteidigung‘ in Jerusalem – ein Amalgam aus deutschem Untertanengeist, kapitalistischer Arbeitsteilung und Funktionärsstolz. Der Hanswurst auf der Anklagebank, dem nichts blieb außer seinem Pochen auf die Pflichterfüllung – auf eine schreckliche Art und Weise war er genau der Richtige für die Organisation der Todeszüge, ebenso wie es der von Jaspers erwähnte Gestapo-Mann für die Abholung der Opfer war.

Erhellend, was Adorno über diesen zum (kleinen und größeren) Naziführer tauglichen Menschentypus notierte: Dieser zeichne sich aus „durch Organisationswut, durch Unfähigkeit, überhaupt unmittelbare menschliche Erfahrungen zu machen, durch eine gewisse Art von Emotionslosigkeit, durch überwertigen Realismus. Er will um jeden Preis angebliche, wenn auch wahnhafte Realpolitik betreiben. Er denkt oder wünscht nicht eine Sekunde lang die Welt anders, als sie ist, besessen vom Willen of doing things, Dinge zu tun, gleichgültig gegen den Inhalt solchen Tuns“ (Adorno, Theodor W., Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse. Ein philosophisches Lesebuch (hrsg. von Rolf Tiedemann), Frankfurt a. M. 1997, S. 57). Das ist der Typus Eichmann, präzise erfasst: Maximale Mittelbarkeit, blind für die Mitmenschen und über allem steht unverrückbar die vorgegebene Ordnung; kurz, die Züge mussten fahren; dass sie die Juden ins Gas brachten, war egal.

Anders sah die Situation für die Soldaten oder die SS-Männer aus, die die zuvor Eingesammelten hinrichteten. Für sie war die Distanz zum Mord auf die wenigen Meter zum Innern der Gaskammern oder die kurze Strecke zwischen Gewehrlauf und Opfer zusammengeschmolzen. Arbeitsteilung auch hier, allerdings mit erschwertem Selbstbetrug. Doch noch diesen kleinen Raum, der blieb, nutzten sie, indem sie sich auf allerlei beriefen, um für sich rechtfertigen zu können, warum nun ausgerechnet dieser Mensch sterben musste. Auch wenn sie eventuell mit ihren zurechtgelegten Begründungen lange Zeit leben konnten, wird in den meisten Fällen die an sich selbst gerichtete Lüge wohl nicht ewig standgehalten haben. Schließlich waren sie es, die den finalen Schritt gegangen sind. Die Konturen ihrer Täterschaft waren für das Opfer und für sie selber eindeutig erkennbar. Dies war im Fall des Gestapo-Mannes, der die Menschen verhaftete, anders. Demjenigen, der einen anhält, die wenigen Utensilien zusammenzusuchen, die für den kurzen Rest des Lebens noch gebraucht werden, wird man eher etwas Menschliches zuschreiben als demjenigen, der einem mit dem Gewehr gegenübersteht. Auch werden die Nachgeborenen die Rechtfertigung, nach Befehl und Ideologie gehandelt zu haben, erstgenanntem Täter widerstandsloser abnehmen als letztgenanntem.

Im Fall der greisen Jüdin, die ihrem Leben selber ein Ende setzte, war es nun so, dass sich der letzte Akt im nationalsozialistischen Tötungsapparat nach vorne verschob. Die Unmittelbarkeit in Gestalt des gewaltsamen Todes eines Menschen hielt Einzug in jenen Teil der Maschinerie, für den allein eine uneindeutige, mittelbare (d.h. konturlose) Täterschaft vorgesehen war. Der Gestapo-Mann konnte nicht umhin kommen den Selbstmord der alten Frau auf seine eigene Rolle zu beziehen: Diese Frau zieht es vor zu sterben, anstatt von mir verhaftet und fortgeschickt zu werden. Die Mittelbarkeit kann an dieser Stelle nichts mehr übertünchen, der Nebel lichtet sich und gerade aufgrund der Plötzlichkeit, mit der die Einsicht über den Gestapo-Mann hereinbricht, zieht er sich nicht auf irgendeine schwächliche Ausrede zurück. Er versucht nicht die Grausamkeit seines Handelns zu verwässern, um die selbst errichtete Scheinwelt aus Integrität und Anstand weiterhin aufrechtzuerhalten. Stattdessen tritt er ans Fenster und erkennt seine Schuld an, denn nichts anderes bringt er mit dem Satz „Das haben wir doch nicht gewollt“ zum Ausdruck. 

Die Zwischenschritte der Vernichtungsbürokratie brechen plötzlich weg, sodass die Einsicht möglich wird, nicht in einem Staat zu leben, der auch Verbrechen begeht, sondern in einem, dessen Grundfeste durch und durch von Verbrechen durchsetzt sind (eine Unterscheidung Jaspers‘). Die Beteuerung „Das haben wir doch nicht gewollt“ mutet an wie ein Selbstgespräch, wie eine schwächlich vorgebrachte Selbstvergewisserung, an die der Gestapo-Mann selber nicht mehr recht zu glauben scheint, denn er hat in genau diesem Moment vollkommen freie Sicht auf das Endresultat seiner eigenen Handlungen; ihm steht nun die Möglichkeit zur Einsicht offen, dass es eben doch sehr viele Menschen gibt, die genau dies – die Ermordung der Juden, ob alt oder jung, Frau oder Mann – wollen, die die Ausrottung bestimmter Menschengruppen planvoll angegangen sind und die ihn als ein Rädchen in ihrer Tötungsmaschinerie installiert haben. Die Mittelbarkeit seiner Taten mindert die Schuld des Gestapo-Mannes (insbesondere die moralische) keineswegs: Sollten die Folgen seiner Verhaftungen für ihn nicht erkennbar gewesen sein, so hätte er sich problemlos über sie Klarheit verschaffen können. Würden Unwissenheit oder Verblendung als Entschuldigungen durchgehen, so würde gerade denjenigen, die sich Hitlers Abartigkeiten am hingebungsvollsten verschrieben hatten, die meisten Ausreden geliefert werden (vgl. ebd., S. 67).

Zugleich lässt Jaspers Anekdote einen beunruhigt zurück: Sie zeigt, wie wenig es bedurfte, um jemanden, der aufrichtiges Mitgefühl mit einer verzweifelten alten Dame empfinden konnte, der vielleicht nach dem Dienst nach Hause zu seiner Frau und den Kindern ging und ihnen ein liebevoller Ehemann und Vater war, der vielleicht unmittelbar einsichtiges Unrecht schwer ertragen konnte, Schwachen gar zur Seite stand – wie wenig es bedurfte, um eine solche Durchschnittsperson zum Mittäter in einem bis dato nicht gekannten Menschheitsverbrechen zu machen: Den Menschen muss lediglich die Möglichkeit gegeben werden, an den Verbrechen, die sie begehen, vorbeizuschielen – und als Ablenkung ist ein vom Wahnsinn geschaffenes Zerrbild augenscheinlich vollkommen ausreichend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.