Am 21. Oktober 1999 geht ein halbes Dutzend russischer Boden-Boden-Raketen auf die tschetschenische Hauptstadt Grosny nieder. Die Sprengköpfe treffen zivile Einrichtungen – unter anderem eine Moschee, ein Krankenhaus sowie den Zentralmarkt der Stadt. Mehr als einhundert Zivilisten werden getötet. Rückblickend erscheinen die Ereignisse rund um diesen 21. Oktober wie eine Blaupause für das Weltgeschehen der folgenden sechzehn Jahre: Sie deuten das Erstarken des internationalen, islamistischen Terrorismus an, zeigen die Hilflosigkeit der Staaten, dieser neuen Bedrohung zu begegnen, sowie das Verlassen rechtsstaatlicher Grundsätze als Reaktion auf diese Hilflosigkeit. Auch wirft der Zweite Tschetschenienkrieg ein erstes Licht auf das neue Russland unter Wladimir Putin, das in den Kriegen in Georgien und in der Ukraine deutlich an Konturen gewinnen sollte. Im Folgenden soll eine Rekonstruktion geliefert werden, die sich an den Personen orientiert, die an jenem 21. Oktober 1999 an den Raketeneinschlägen in Grosny – direkt oder indirekt, als Täter oder als Opfer – beteiligt waren.

Der Terrorist

Ein flüchtiger Blick auf die Biographie und ins Auge sticht vor allem eines: große Untauglichkeit. Zunächst im Studium, das – fern der tschetschenischen Heimat, in Moskau – gleich zweimal abgebrochen wird – erst die Juristerei, schließlich auch das Ingenieurwesen. Untauglichkeit auch in den folgenden Jahren, in denen ständig der Beruf gewechselt wird: Der Lebensunterhalt muss als Fahrkartenkontrolleur, Türsteher und schließlich als Angestellter in einem Computergeschäft bestritten werden. Es drängt sich im Fall von Schamil Bassajew die Frage nach Henne und Ei auf: Formt ein gescheitertes ziviles Leben den Extremisten oder muss der Extremist im zivilen Leben scheitern, weil dieses von Kompromissen und Zugeständnissen geprägt ist? Die Antworten auf diese Frage mögen unterschiedlich ausfallen, sicher ist, dass Bassajew sich auch auf seinem weiteren Lebensweg als tschetschenischer Unabhängigkeitskämpfer, als Demagoge und Terrorist als ebenso untauglich erwies wie im zivilen Leben. Am Anfang war das Scheitern und das Scheitern war bei Schamil Bassajew – im Guten wie im Bösen.

Ein Mann, der zu nichts Anderem in der Lage ist, als seiner Heimat einen extremistischen Islam aufzuzwingen, ist auf den Krieg als Lebensinhalt angewiesen. Seine einzige Daseinsberechtigung ist der Kampf. Erste Meriten als Terrorist verdiente sich Bassajew bei einer Flugzeugentführung zu Beginn der 90er Jahre. Es folgten Kampfeinsätze in Georgien sowie Aufenthalte in Pakistan und Afghanistan, ehe er während des Ersten Tschetschenienkrieges (1994-96) zu einer Leitfigur des Widerstandes gegen Russland aufstieg.

Vielleicht konnte sich Bassajew aufgrund der Tatsache, dass sein Leben einzig auf den Krieg ausgerichtet war, nicht mit der de facto erreichten Unabhängigkeit seiner Heimat nach dem Ersten Tschetschenienkrieg begnügen. Angestachelt durch den saudischen Terroristen Emir Ibn Al-Khattab gediehen die Träume von einem Kalifat, das sich von Abchasien am Schwarzen Meer bis nach Dagestan, an die Küste des Kaspischen Meeres erstrecken sollte. Der Grenzübertritt nach Dagestan am 7. August 1999, gemeinsam mit wahhabitischen Extremisten, sollte nur der erste Schritt in Richtung eines Gottesstaates sein.

Lizenz: CC by-sa 3.0; Rechteinhaber: Don-kun, Jeroencommons, Pmx; Original: Caucasus-political_en.svg
Lizenz: CC by-sa 3.0; Rechteinhaber: Don-kun, Jeroencommons, Pmx; Original: Caucasus-political_en.svg

Doch wie so häufig in seinem Leben wollte sich die Realität nicht unter Schamil Bassajews Vorstellungen zwingen lassen: Die Bevölkerung in Dagestan schloss sich den Terroristen nicht an. Stattdessen versorgten einheimische Frauen die angerückten russischen Truppen mit Essen, während die Männer Flugblätter mit den Konterfeien von Bassajew und Al-Khattab verteilten, die mit der Aufforderung „Tötet sie!“ versehen waren. Auch die Kämpfe gestalteten sich für die Terroristen verlustreich. Bereits Ende August 1999 waren sie wieder aus Dagestan vertrieben. Eingekesselt in und um die tschetschenische Hauptstadt Grosny sahen sie sich nun heftigen Angriffen der russischen Streitkräfte ausgesetzt. Von beiden Seiten wurde der Krieg ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung geführt. Rhetorisch vorbereitet wurde das nun einsetzende russische Flächenbombardement auf Grosny durch Ministerpräsident Putin. Dieser sprach davon, die Banditen bis auf ihre Scheißhäuser verfolgen und sie dort auslöschen zu wollen.

Wie wenig Sorgen sich Bassajew ob der in Dagestan erlittenen Niederlagen machte, wie sehr ihm im Gegenteil die brenzlige Lage gar zu behagen schien, zeigt ein Foto, das am 18. Oktober 1999 in Grosny aufgenommen wurde. Bassajew sitzt breitbeinig auf einem Stuhl, im Hintergrund lehnt ein Gewehr an einer Balustrade. Der Kopf ist leicht zur Seite geneigt, die Gesichtszüge sind entspannt, das Barett und die Camouflage-Uniform sitzen akkurat; die linke Hand stützt sich auf den linken Oberschenkel, während die rechte zur Faust geballt in seinem Schoß baumelt. Die ausgestrahlte Melange aus Tiefenentspannung und Kampfbereitschaft mag zu einem Gutteil propagandistischen Zwecken geschuldet sein. Dennoch steht zu befürchten, dass nicht nur in der Dummheit, sondern auch im religiösen Fanatimus einiges an Zuversicht steckt, die einen vielleicht nicht rasend, aber doch zumindest sprachlos macht.

Die Stadt

Grosny war im Herbst 1999 ein Trümmerfeld. Als der Zweite Tschetschenienkrieg sich ankündigte, hatte die Stadt den ersten noch nicht annähernd verdaut. Die meisten Bezirke waren durch Artilleriebeschuss und massive Luftschläge in Schutt und Asche gelegt worden. Die hilflosen Versuche der russischen Streitkräfte, Grosny mit Bodentruppen einzunehmen, taten ihr Übriges bei der Zerstörung der Stadt. In Scharen wurden unerfahrene russische Soldaten – viele von ihnen noch halbe Kinder, nicht älter als 18 oder 19 Jahre – in einen Häuserkampf geschickt, in dem es für sie nichts zu gewinnen gab. Unzählige von ihnen gerieten in Hinterhalte oder wurden von Scharfschützen getötet.

Den Launen eines Krieges vor der eigenen Haustür waren all jene Zivilisten schutzlos ausgeliefert, die nicht rechtzeitig aus der Stadt flüchten konnten. Sie hausten in den Gerippen der Gebäude, Hitze und Kälte schutzlos ausgeliefert. Die Menschen schliefen mit den Ratten in ihren zerstörten Wohnungen, versuchten ihre Habe zu schützen und waren den Plünderern zumeist doch schutzlos ausgeliefert. Sie sahen nacheinander Heizung, Strom und Wasser ausfallen sowie die Behörden, Schulen und Universitäten schließen. Sie beknieten sowohl die tschetschenischen Kämpfer als auch die russischen Soldaten, sie zu verschonen. Dennoch wurden viele Zivilisten getötet, ihre Körper verwesten auf den Straßen Grosnys. Eine Bergung war häufig zu risikoreich. Manch eine Leiche wurde von herumstreunenden Hunden gefressen.

Beide Parteien machten sich einer Vielzahl von Kriegsverbrechen schuldig: Es kam zu Folter, Entführungen (vor allem junger tschetschenischer Männer), Massenexekutionen, Vergewaltigungen, Attacken auf Flüchtlinge. Wer überlebte, musste sich auf die elementarsten Dinge beschränken und noch an diesen mangelte es: Viele Menschen in Grosny litten über Jahre Hunger; Krankheiten grassierten; die medizinische Versorgung war katastrophal. Zusätzlich hatte der Krieg das Verhältnis zwischen den ethnischen Gruppen vergiftet. Menschen, die zuvor jahrzehntelang neben- und miteinander gelebt hatten, wünschten sich nun gegenseitig den Tod.

Die Lage besserte sich nur unwesentlich nach dem offiziellen Ende des Ersten Tschetschenienkrieges im Jahr 1996. Zwar konnte die russische Armee aus Grosny vertrieben werden, doch eine wirtschaftliche Blockade Tschetscheniens führte zu ernsten Problemen. Der Zentralmarkt der Stadt – vor dem Krieg der größte im gesamten Kaukasus, auf dem es alle nur erdenklichen Waren zu kaufen gab – war Schauplatz einiger der heftigsten Gefechte des Krieges. Er wurde behelfsmäßig mit Holzverschlägen immer wieder aufgebaut, aufgrund der russischen Wirtschaftsblockade war allerdings lange Zeit nur mehr das Notwendigste im Angebot. Tagtäglich schleppten Menschen ihre Waren zum Markt und mussten zumeist unverrichteter Dinge wieder abziehen. Um ihr Schicksal scherten sich weder Russland noch die tschetschenischen Kämpfer.

Die großen Pläne für Grosny und Tschetschenien wurden derweil in unmittelbarer Nähe zum Zentralmarkt gemacht. Neben dem Basar soll Schamil Bassajew zu Beginn des Zweiten Tschetschenienkrieg, nach seiner Vertreibung aus Dagestan, einen Kommandoposten errichtet haben. Es würde zum ‚Heldenmut‘ eines Versagers passen, Schulkinder und Großmütter, die sich auf dem Markt ihre nächste Mahlzeit verdienen müssen, als Schutzschilde zu missbrauchen. Anders als noch im ersten Krieg wollte die russische Armee einen Häuserkampf um jeden Preis verhindern. Aus diesem Grund setzte die Führung auf Angriffe aus der Luft, die vor allem zu Lasten der in Grosny eingeschlossenen Zivilbevölkerung gingen. Manch einer versuchte der unerträglichen Situation in der Stadt mit Galgenhumor zu begegnen. Ein Graffiti mitten in Grosny begrüßte Neuankömmlinge mit folgender Botschaft: „Willkommen in der Hölle: Zweiter Teil“.

Die Raketen

In Kolomna, einer Stadt etwa einhundert Kilometer südöstlich von Moskau gelegen, machten sich Ende der 60er Jahre sowjetische Ingenieure des staatlichen Rüstungskonzerns KBM an die Konstruktion eines neuen Raketentyps. Mit der SS-21 Scarab, die im Bezeichnungssystem der russischen Armee den Zusatz „Totschka“ (russ. für „Punkt“) trägt, sollte eine präzise Boden-Boden-Rakete entwickelt werden. 1976 wurden die ersten SS-21 Raketen an die sowjetischen Streitkräfte ausgeliefert. Ihre Bewährungsprobe hatten sie im Kampf gegen die afghanischen Mudschahedin in den 80er Jahren. Platziert auf geländegängigen Lastwagen können die SS-21 auch in unwegsamen Regionen rasch verlegt werden. Ein weiterer Vorteil ist ihre schnelle Einsatzbereitschaft: es werden lediglich fünf Minuten benötigt, um die Rakete für das Abfeuern vorzubereiten.

Am späten Nachmittag des 21. Oktober 1999 werden ein halbes Dutzend SS-21 Raketen, mutmaßlich von einem russischen Stützpunkt in Nordossetien, auf Grosny abgefeuert. Der damalige Präsident von Inguschetien, Ruslan Auschew, behauptete später, man habe die Raketen von seinem Land aus fliegen sehen können. Die knapp einhundert Kilometer von Nordossetien bis in die tschetschenische Hauptstadt legen die SS-21 in nicht einmal zwei Minuten zurück. Beim Zielanflug schwenken die Raketen auf einen nahezu senkrechten Kurs zur Erdoberfläche ein, damit der mit Splittermunition gefüllte Gefechtskopf möglichst großflächig Schäden anrichten kann. Knapp zwanzig Meter über dem Ziel detonieren die Raketen schließlich; die Splitter werden zu tausenden unkontrolliert beschleunigt und entfalten so ihre tödliche Wirkung. Der an diesem Spätnachmittag im Herbst 1999 durchgeführte ‚Präzisionsschlag‘ der russischen Armee trifft unter anderem ein Krankenhaus, das auf Entbindungen spezialisiert ist, eine Moschee in einem Vorort von Grosny, einen vollbesetzten Bus sowie den Zentralmarkt der Stadt.

Die Opfer

Polina Scherebzowa ist im Herbst 1999 vierzehn Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einer zerstörten Wohnung in Grosny. Ihre Familie ist ein Schmelztiegel verschiedener Ethnien und Religionen. Dennoch ist sie aufgrund ihres russischen Namens – insbesondere in der Zwischenkriegszeit – den Schikanen ihrer tschetschenischen Mitschüler ausgesetzt. Als im Spätsommer 1999 der Zweite Tschetschenienkrieg beginnt, wird die Schule geschlossen. Polina geht nun häufiger auf den Markt, um ein wenig Geld zu verdienen – so auch am 21. Oktober 1999.  An diesem Tag ist sie in Begleitung ihrer Mutter. Die beiden räumen gerade ihre Ware ein; es ist bereits später Nachmittag, sie wollen den Heimweg antreten, als die SS-21 in Grosny einschlagen. Polina beschreibt diesen Augenblick in ihrem Tagebuch folgendermaßen: „Plötzlich erleuchtete ein greller Blitz den ganzen Himmel. Ein gewaltiges Getöse folgte. Vor Schreck rollten wir uns hinter unseren Tisch. Wir hockten uns zwischen den eisernen Buden hin. Eine andere Deckung gab es nicht. Explosion! Dann noch eine.“ (Scherebzowa, Polina, Polinas Tagebuch, Berlin 2015, S. 267.)

Nach den Detonationen flüchtet Polina vom Markt, Splitter rauschen an ihrem Kopf vorbei und schlagen in Gebäude ein. Plötzlich spürt sie ein Reißen an ihren Beinen, sie stürzt, wird aufgehoben und in den Aufgang eines Wohnhauses gebracht. Hier nun macht sich der Schmerz bemerkbar, insgesamt sechzehn Splitter haben ihre Beine durchsiebt. Kurz nach ihr wird ein tschetschenisches Mädchen in den Aufgang getragen, deren Bein am Knie aufgerissen ist. Das Mädchen blutet stark, das weiße Innere ihrer Knochen ist sichtbar. Polina wird mit ihrer Mutter (die ebenfalls von einigen Splittern getroffen wurde) in eine Apotheke gebracht. Auf dem Weg dorthin sieht sie etliche Leichen, die notdürftig mit Pappen abgedeckt sind. Am folgenden Tag erst kommt Polina in ein Krankenhaus. Da es jedoch keinen Strom für eine Röntgenaufnahme gibt, können die Splitter erst fünf Monate später aus ihren Beinen entfernt werden.

Bella Titiyeva ist 27 Jahre alt. Sie arbeitet als Apothekerin in Grosny und geht fast täglich auf den Basar der Stadt, um einzukaufen. Am 21. Oktober ist auch sie – wie Polina Scherebzowa – in Begleitung ihrer Mutter. Während der Detonationen steht sie im Zentrum des Marktes, neben den Ständen mit Blumen und Süßwaren. Auch sie trägt Verletzungen an den Beinen davon, ihre Wade wird von den Splittern der Raketen in Fetzen gerissen. Bella Titiyeva hatte großes Glück nicht tödlich getroffen worden zu sein. Um sie herum ist der Boden mit Leichen übersät.

Magomed Jussupow, 42 Jahre alt, entfernt sich gerade mit einer Tasche, die mit Kartoffeln gefüllt ist, vom Markt, als die Explosionen ihn zu Boden werfen. Er richtet sich wieder auf, blickt sich um und sieht in ein Chaos aus Feuer und Rauch: „Es war, als hätte Allah einen riesigen Feuerstrahl auf den Markt gerichtet. Überall lagen zerrissene Leichen herum. Ich sah einen Mann, der weder Arme noch Beine hatte und nur noch einen halben Kopf.“ (Neef, Christian, Allahs Feuerstrahl, in: Der SPIEGEL 43 (1999), S. 240.)

Es könnten die Geschichten mehrerer hundert weiterer Toter und Verwundeter erzählt werden, die an jenem 21. Oktober 1999 Opfer der russischen Raketen wurden. Es könnte erzählt werden von den Neugeborenen und ihren Müttern, die im zerbombten Krankenhaus zu Tode kamen, von den Muslimen, die beim abendlichen Gebet in Stücke gerissen wurden oder von den vielen weiteren Zivilisten, die auf dem Zentralmarkt ihr Leben ließen oder schwer verwundet wurden. Es könnte allerdings auch erzählt werden von den russischen Soldaten, die während des Krieges von tschetschenischen Kämpfern gefoltert und ermordet wurden oder von den vielen Zivilisten, die bei Terroranschlägen in Russland getötet wurden. Kurzum, es könnte von den Opfern eines grausamen wie gleichermaßen sinnlosen Krieges erzählt werden, in dem es für  (fast) niemanden etwas zu gewinnen gab.

Der Ministerpräsident

Wladimir Putin war erst seit wenigen Wochen im Amt des Ministerpräsidenten, als es zum Zweiten Tschetschenienkrieg kam. Sehr früh bereits wurde seine kompromisslose Haltung deutlich. Zu Verhandlungen mit den gemäßigten Kräften in Tschetschenien, die sich längst von den Terroristen um Schamil Bassajew losgesagt hatten, kam es nicht. Stattdessen instrumentalisierte Putin das Fernsehen, um die russischen Bürger mit einer propagandistischen Dauerbeschallung, die von den Banditen in Tschetschenien handelte, auf seine rigorose Linie einzustimmen. Militärisch äußerte sich Putins Haltung in massiven Luftschlägen, mit denen sowohl die tschetschenischen Kämpfer als auch die Zivilisten aus Grosny vertrieben werden sollten. Als er am 20. Oktober 1999 die Front besuchte, deutete Putin an, dass ein Einmarsch von Bodentruppen in Grosny kurz bevor stünde: Der Plan sah vor, dass die Soldaten eine verwaiste Stadt einnehmen können.

Auf internationaler Bühne ließ der Ministerpräsident von diesem Vorhaben allerdings nichts durchscheinen. Auf dem EU-Russland-Gipfel in Helsinki, zu dem er am 21. Oktober aufbrach, beteuerte er im Zusammenhang mit dem Krieg in Tschetschenien: „Wir sind uns völlig einig, politische Probleme mit politischen Mitteln zu lösen. Und wir planen immer noch nicht, diesen politischen Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen.“ (Putin versichert: Kaukasus-Konflikt wird nicht militärisch gelöst, auf: SPIEGEL Online, 22.10.1999) Als Putin diese Worte von sich gab, waren die SS-21 Raketen bereits auf Grosny niedergegangen, mutmaßlich auf Geheiß von ihm höchstselbst sowie von Präsident Boris Jelzin.

Eine Beteiligung an den Einschlägen in Grosny bestritt Russland zunächst vehement. Schließlich gab man doch zu, eine ‚Spezialoperation‘ durchgeführt zu haben. Die Attacke auf den Markt wurde mit dem Hinweis begründet, dass dieser ein Umschlagplatz für Waffen gewesen sei. Über das Krankenhaus sowie die Moschee hüllten sich die offiziellen Verlautbarungen in Schweigen. Zweifellos gab es unter den zahlreichen Ständen auf Grosnys Zentralmarkt auch einige wenige, an denen Gewehre und Granaten verkauft wurden. Ebenso zweifellos waren allerdings die tschetschenischen Kämpfer nicht darauf angewiesen, sich auf einem gewöhnlichen Markt mit Waffen einzudecken. Keinen Zweifel gibt es auch an der Tatsache, dass dem Raketenangriff fast ausschließlich Zivilisten zum Opfer fielen, dass die Attacke absolut unverhältnismäßig war und dass sie letztlich als ein Kriegsverbrechen einzustufen ist.

Diese Tautologie ist an sich schon reichlich zahnlos, im Krieg gegen den Terror verkommt die Rede vom Kriegsverbrechen jedoch vollends zur abgedroschenen Phrase. Russland hat in Tschetschenien vergleichsweise früh die Erfahrung machen müssen, dass die Unmenschlichkeit des Terrorismus vor allem eigenes unmenschliches Verhalten heraufbeschwört. Von anderen Staaten kassierten Putin und Jelzin für ihr Vorgehen lediglich einige mahnende Worte. Auf dem Gipfel in Helsinki war Tschetschenien zwar ein Hauptthema der Diskussionen, in der Abschlusserklärung taucht der Krieg dann allerdings nur in einem einzigen – maximal schwammigen wie nichtssagenden – Satz auf: „Die Europäische Union und die Russische Föderation hatten einen Gedankenaustausch über die Lage im Nordkaukasus.“ (Gipfeltreffen EU/Russland, Helsinki 22. Oktober 1999, Gemeinsame Erklärung, S. 3) Auf Drängen der russischen Seite verschwand das Wort „Tschetschenien“ aus dem Dokument. Die Möglichkeit die Realität zu benennen, also von einem Krieg zu sprechen, wird erst gar nicht zur Debatte gestanden haben.

Stattdessen wimmelt es in der Erklärung von warmen Worten: So berufen sich die EU und Russland auf „gemeinsame Werte – wie Einhaltung der Grundsätze der Demokratie, Achtung der Menschenrechte [und] Rechtsstaatlichkeit“. (ebd., S. 2) Dass Wladimir Putin all diese Werte nur Stunden zuvor in Grosny pulverisiert hatte, gibt den Bekenntnissen eine besonders widerliche Note. Für die Überlebenden als auch für die Angehörigen der Toten müssen diese Worte wie blanker Hohn geklungen haben. Außerhalb Tschetscheniens jedoch, im Rest Russlands, fand Putins Kurs durchaus Anhänger. Als Boris Jelzin am Ende des Jahres 1999 überraschend sein Amt niederlegte, gewann Putin die folgende Präsidentschaftswahl deutlich.

Epilog

Schamil Bassajew entkam aus dem umlagerten Grosny. Er wurde jedoch beim Rückzug verwundet – eine Mine riss ihm einen Fuß ab -, sodass er in den folgenden Jahren kaum mehr an Gefechten teilnehmen konnte. Nachdem die tschetschenischen Kämpfer aus Grosny vertrieben waren, wurde der Krieg in den Bergen fortgesetzt. Er endete offiziell erst im Jahr 2009. Schamil Bassajew widmete sich nach seiner Verwundung vor allem der Planung von Terrorakten. Unter anderem organisierte er die Geiselnahmen im Moskauer Dubrowka-Theater sowie in einer Schule im nordkaukasischen Beslan. Allein bei diesen beiden Anschlägen kamen knapp fünfhundert Menschen ums Leben. Am 10. Juli 2006 wurde Schamil Bassajew schließlich von einem russischen Kommando in Inguschetien aufgespürt und getötet.

Grosny hat sich bis heute nicht vollständig von den beiden Kriegen erholt. Zwar sind große Teile der Stadt wiederaufgebaut worden, doch kommt es weiterhin zu Anschlägen, die sich nun vor allem gegen den moskauhörigen Präsidenten Ramsan Kadyrow richten. Dieser regiert Tschetschenien mit harter Hand, Menschenrechtsverletzungen sind keine Seltenheit, eine Erinnerung an die Kriege ist untersagt.

Die SS-21 hat ihrer großen ‚Karriere‘ auch nach den beiden Tschetschenienkriegen weitere ‚Höhepunkte‘ hinzufügen können. Bereits zu Sowjetzeiten war die Rakete ein Exportschlager – sie ist es bis heute geblieben. Seit mehr als vier Jahren terrorisiert der syrische Präsident Baschar al-Assad sein eigenes Volk mithilfe von russischen Raketen. Auch im Krieg in der Ukraine ist die SS-21 im Einsatz. Der Strom an menschenverachtenden Wahnsinnigen reißt nicht ab, sodass ihr Platz in der Welt auf Jahre gesichert scheint. Ein Teilerfolg konnte hinsichtlich der bei den Attacken in Grosny genutzten Streumunition verzeichnet werden. Diese wird mittlerweile von vielen Ländern geächtet. Im Jahr 2010 wurde ein völkerrechtlicher Vertrag geschlossen, der die Herstellung, Nutzung und Weitergabe von Streumunition verbietet. Eine Vielzahl von Staaten hat den Vertrag ratifiziert, Russland gehört nicht dazu.

Die Opfer der Raketenangriffe vom 21. Oktober haben keinerlei Entschädigung erhalten. Wenn sie auf ihr Leid aufmerksam machen, kann es für sie noch heute schnell gefährlich werden. Polina Scherebzowa, deren Beine bei den Angriffen in Grosny von Splittern getroffen wurden, hat ihr Kriegstagebuch in Russland veröffentlicht. Darin beschreibt sie das rücksichtslose Vorgehen sowohl der russischen Armee als auch der tschetschenischen Kämpfer. Nach der Publikation kam es zu mehreren Angriffen gegen sie. Bei einer der Attacken verlor sie nach eigener Aussage ihr ungeborenes Kind. Mittlerweile hat Polina Scherebzowa politisches Asyl in Finnland gefunden. Eine Rückkehr in ihre Heimat Tschetschenien ist momentan ausgeschlossen.

Wladimir Putin ist gegenwärtig in seiner dritten Amtszeit als Staatspräsident. Russland ist heute so schwach wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Es gibt keine nennenswerte politische Opposition; es gibt auch keine unabhängige Presse; Minderheiten werden verfolgt; die Wirtschaft darbt; Korruption ist an der Tagesordnung; das Verhältnis zur Europäischen Union sowie zu den Vereinigten Staaten ist schwer belastet. Es liegt gegenwärtig letztlich ein ähnlicher – gleichwohl verschärfter – Zustand vor wie zur Zeit des Zweiten Tschetschenienkrieges Ende der 90er Jahre: Der Kümmerliche markiert den starken Mann, schlägt wild um sich, setzt immer noch militärische Durchschlagskraft mit politischer Stärke gleich.

Das letzte Wort

Zum Abschluss soll der Erzähler eines autobiographischen Texts von Arkadi Babtschenko zu Wort kommen. Es handelt sich bei ihm um einen jungen russischen Soldaten, der in Tschetschenien den Krieg erlebt. Seine Anklage könnte auch die der Zivilisten sein: „All diese Jelzins, Dudajews, Gantamirows, Awturchanows, Sawgajews, Gratschows und Putins – wer sind sie? Wer ist dieses Gesindel, das auf unserem Blut Karriere macht? Wer sind diese Leute, um deren Macht willen ich hier in Mosdok mit Füßen getreten werde? Wer sind diese Leute, um deren Karriere willen wir in Grosny erschossen werden?“ (Babtschenko, Arkadi, Die Farbe des Krieges, 2. Aufl., Berlin 2014, S. 102-103.)

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