Mit dem Skalpell an der Seele

Den einen, exakt bestimmbaren Ausgangspunkt gibt es wohl für keine Abwärtsspirale. Doch der Roman braucht einen Beginn, von dem aus der langsame Niedergang eines Menschen nachgezeichnet werden kann. Dieter Wellershoff findet ihn in Die Schönheit des Schimpansen an der Universität: Klaus Jung – Student, Hoffnungsträger seiner Mutter auf gesellschaftliches Fortkommen – kämpft mit seiner Examensarbeit. Weiterlesen

Das gute Geschlecht?

Frauen nur als Dienstmädchen und Haushälterinnen zu kennen, ist der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern abträglich; ebenso abträglich ist ihr, sie nur als Engel wahrzunehmen, als sanftes (weil schwaches) Geschlecht. Insbesondere die amerikanische Kultur gibt Zeugnisse von letzterer Verzerrung, gespeist aus überbordendem (häufig väterlichem) Beschützerinstinkt, Ritterlichkeit oder der Suche nach einem Anker für das Gute in der Welt. Weiterlesen

Barnes‘ Kapseln

Was Julian Barnes Roman über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch (Der Lärm der Zeit) thematisch hergibt, ist ein exzellenter Aufguss. Herausragend allerdings machen den Text seine vielfältigen Verdichtungen, die Einkapselung eines Lebens, mitunter in nur wenigen Sätzen, ohne dass hierbei der Biografie Schostakowitschs erzählerisch Gewalt angetan wird. Weiterlesen

Effekthascherei schlägt Avantgarde

Eine wesentliche Funktion der Kunst ist das Aufbrechen erstarrter Wahrnehmungsschemata, der Bruch mit dem allzu Vertrauten, um ein neues Sehen, zugleich das Sehen eines Neuen, des Möglichen, zu realisieren. Gesellschaftliches Probehandeln in Text und Bild muss Falten in den Schleier der kapitalistischen Warenwelt werfen (der Mensch und Objekt gleichermaßen konturlos macht), um ad radices, zu den gesellschaftlichen Widersprüchen zu gelangen. Wer hier nur verziert, wer auf den Effekt des Schnörkels setzt, der mag viel Geld verdienen können, dem mag auch der kenntnislose Zuspruch der vermögenden Käufer sicher sein, doch als Künstler hört er oder sie auf zu existieren. Weiterlesen

Lachen in Lumpen

Idealismus wird zur blinden Schwärmerei, wo dieser den ungetrübten Blick auf die Welt verhindert. Nüchterner Realismus wiederum wird zur Gefahr, wo sich mit allem Schlechten arrangiert, es vielleicht sogar zum eigenen Vorteil ausgenutzt wird. In Fjodor Dostojewskijs „Die Erniedrigten und Beleidigten“ sind dem unverbesserlichem Idealisten und dem skrupellosem Realisten verschiedene Arten Komik beigegeben. Das Lachen hört erst bei den Figuren auf, die beide Eigenschaften miteinander verbinden. Bei ihnen bleibt der Weg zum Schlechten unbetreten und der zum Besseren wird nicht entlanggestolpert, sondern planvoll begangen. Weiterlesen

Gebrochene Herzen und zerstückelte Körper

Bei der Beantwortung der Frage, was die Gesellschaft zusammenhalten sollte, wird gerne von demokratischen oder religiösen Idealen gesprochen (Nächstenliebe, Menschenwürde etc.). In seinem Roman „Der goldene Handschuh“ beschreibt Heinz Strunk einen gesellschaftlichen Kitt, der weit entfernt ist von solchen positiven Leitbildern. Es sind Herrschaft, Macht und das Ausüben von Gewalt zwischen den Geschlechtern, die hier die unterschiedlichen sozialen Milieus und Schichten miteinander verbinden – dies in einer dreifachen Abstufung. Weiterlesen

Verbarrikadiert in der Echokammer

Steile Thesen sind eine dankbare Einrichtung, bieten sie doch große Angriffsflächen. Derart exponiert hat sich vor einigen Jahren der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard: Ausgerechnet (oder konsequenterweise) der professionelle Leser behauptet, es sei nicht notwendig, Bücher gelesen zu haben, um über sie zu sprechen – mitunter sei die Lektüre gar schädlich für die Kommunikation. Bildung bestehe vielmehr darin, Texte einordnen zu können, anstatt sich in ihren Details zu verlieren. Dass sich hierfür allerdings ein Überblick angeeignet werden muss, dass es zudem Texte gibt, die Erwartungshaltungen hintergehen, dass schließlich über das bloße Einordnen geschlossene gesellschaftliche Räume (Echokammern) entstehen können, in denen Ideologisches am lautesten tönt – all dies flackert bei Bayard nur am Rande auf. Ein Beispiel für eine solche Kakophonie in der geschlossenen Echokammer liefert die (Nicht)Lektüre des Werks von Ernst Bloch durch Joachim Fest. Weiterlesen

Die Kamele sind tot – Staatswerdung im Orient

Wenn gegenwärtig im Nahen Osten, in Vorder- und Zentralasien Krieg und Terror den Alltag beherrschen, die Menschen deshalb flüchten müssen, wird eine wesentliche historische Ursache allenfalls am Rande erwähnt: Als die europäischen Staaten ihre kolonialen Abenteuer beendeten (oder beenden mussten), versündigten sie sich ein letztes Mal an ihren Untergebenen, indem sie willkürlich Staatsgrenzen festlegten – Grenzen, um die die Einheimischen nicht gebeten hatten, die auf Familien- und Stammesverbände keine Rücksicht nahmen, die letztlich einzig in die Welt der abziehenden Kolonialherren passten. Was offiziell als Unabhängigkeit daherkam, war mit einem Ballast beschwert, der eine gesamte Weltregion ins Verderben reißen sollte. Weiterlesen

Der Tod des Gewöhnlichen, das Gewöhnliche des Todes

Da hält sich der Pfarrer auf, mit all den Stationen und Eckpunkten eines Lebens, während der Trauerfeier – und trifft doch fast gar nichts. Es gilt wohl das Besondere eines Lebens herauszuschälen. Die Informationen, die ohnehin fast alle Anwesenden kennen, werden zuvor bei der Familie erfragt und schließlich mit der gebotenen Schwere in der Stimme abgespult. Trost gibt es in diesem Fall wohl nur durch die Erwartbarkeit: es wird das geliefert, was seit jeher an dieser Stelle geliefert wurde, was dereinst auch über einen selber ‚abgeliefert‘ werden wird. Vielleicht ist diese Oberflächlichkeit beabsichtigt, hören doch ohnehin viele nicht recht zu, vielleicht aber ist sie auch ein großer Irrtum. Weiterlesen