Effekthascherei schlägt Avantgarde

Eine wesentliche Funktion der Kunst ist das Aufbrechen erstarrter Wahrnehmungsschemata, der Bruch mit dem allzu Vertrauten, um ein neues Sehen, zugleich das Sehen eines Neuen, des Möglichen, zu realisieren. Gesellschaftliches Probehandeln in Text und Bild muss Falten in den Schleier der kapitalistischen Warenwelt werfen (der Mensch und Objekt gleichermaßen konturlos macht), um ad radices, zu den gesellschaftlichen Widersprüchen zu gelangen. Wer hier nur verziert, wer auf den Effekt des Schnörkels setzt, der mag viel Geld verdienen können, dem mag auch der kenntnislose Zuspruch der vermögenden Käufer sicher sein, doch als Künstler hört er oder sie auf zu existieren. Weiterlesen

Erinnerungsselig-militante Lämmchen

Wer von den 68ern den Marsch durch die Institutionen erfolgreich bestritten hat, der wurde vor allem mit einem belohnt: Deutungshoheit. Ob nun aktiv von ihr Gebrauch gemacht oder sie einem von außen aufgezwungen wird – einige wenige repräsentieren eine ganze Bewegung. Und das Bild, das sie dabei abgeben, ist mitunter so kläglich wie der Zustand der Gegenwart, den sie mitzuverantworten haben. Weiterlesen

Knopf und Kosmos

Dokumentarfilm des chilenischen Regisseurs Patricio Guzmán, „Der Perlmuttknopf“: Was am europäischen, christlichen Menschen lässt ihn verlangen, alle Welt möge sich in sein Ebenbild verwandeln, lässt ihn missionieren, lässt ihn jene ausrotten, die sich seinem Willen nicht fügen wollen (oder können)? Weiterlesen

Heiland ohne Jugend

Alljährlich liegt der Säugling wieder in seiner Krippe, zwischen Ochs‘ und Schaf im Stall zu Bethlehem – ganz so, wie es das Lukasevangelium nahelegt. Nur laufen und sprechen lernt Jesus in den kanonischen Schriften des Neuen Testaments seltsamerweise nie, hat (fast) keine Kindheit und keine Jugend, taucht erst als erwachsener Mann im Gewand des Wanderpredigers wieder auf. Bemerkenswert ist diese Aussparung, weil sie (in ahnender Voraussicht?) einen Zugang zu Jesu Biographie vernagelt, der aus heutiger Perspektive naheliegend wäre – den psychologischen. Weiterlesen

Eine Pharaonin aus der Uckermark

Die drängendste Frage der Gegenwart, die nach den Ursachen für den Aufstieg der Rechtspopulisten und Demagogen, der Lügner und Rassisten, kennt viele Antworten. Einige sind an dieser Stelle bereits versucht worden – die wachsende soziale Ungleichheit, eine Debatte in Extremen, Medien, die sich den Abstand zum Ereignis nicht mehr leisten (können oder wollen). Eine Antwort jedoch fehlt, taucht auch anderswo höchstens marginalisiert auf: Gemeint ist der Dämmerzustand, den etwas mehr als eine Dekade Merkel’scher Kanzlerschaft über die Demokratie in Deutschland gebracht hat. Weiterlesen

Wahlkampf (fast) ohne Politik

Dem Werbesprech einer Ankündigung auf SPIEGEL Online entgleitet ein wenig die Realität: Es geht um die Berichterstattung zur Präsidentschaftswahl in den USA und man versteigt sich tatsächlich zur Aussage, dieses gedehnte Elend sei der spannendste Wahlkampf seit Al Gore gegen George W. Bush. Viele Adjektive hätten gepasst – abstoßend, niederträchtig, niveaulos – „spannend“ (dazu noch im Superlativ) trifft die Wirklichkeit, wenn überhaupt, nur am Rande. Weiterlesen

Schafft die zweite Klasse ab!

Es gibt den reichlich abgewetzten Lenin-Satz, mit den Deutschen sei keine Revolution zu machen, denn bei Stürmung des Bahnhofs würden diese sich noch schnell eine Bahnsteigkarte kaufen. Als wolle er diese Halbherzigkeit seiner Landsleute bestätigen, fängt SPIEGEL-Redakteur Bernd Kramer seine „Rebellion“ (tatsächlich ist es mehr ein Rebelliönchen) damit an, in der ersten Klasse der Deutschen Bahn die Zeitungen zu stibitzen. Weiterlesen

Zwischen Liebe und Vertrag japst die Solidarität

Wenn es um Flüchtlinge geht, beherrschen die Ausfransungen des Meinungsspektrums die Debatte. Unfähig zum Austausch stehen die Extreme einander gegenüber und vergiften mit ihrem Anspruch auf eine uneingeschränkte Deutungshoheit die Auseinandersetzung. Es werden absolute Bekenntnisse eingefordert: Offene Grenzen oder Zäune und Schlagbäume. Jeder Versuch der Differenzierung wird vom Zeitgeist des Absoluten weggebissen. Lehnt sich ein Argument auch nur sachte in die eine oder andere Richtung, so wird es vom Extrem vereinnahmt, sein Vertreter fortan mit diesem identifiziert. So geschieht es in den Parteien, so findet es dank bürgerlichen Nachahmungstriebs online seine Fortsetzung. Dem Wesen der Solidarität, die eine funktionierende Asylpolitik tragen muss, setzt eine Debatte in und mit Extremen zu. Ist sie, die Solidarität, doch in einem ‚Zwischen‘ angesiedelt, so erklärt es der Soziologe Karl Otto Hondrich – und zwar zwischen der Liebe und dem Vertrag. Weiterlesen

Lachen in Lumpen

Idealismus wird zur blinden Schwärmerei, wo dieser den ungetrübten Blick auf die Welt verhindert. Nüchterner Realismus wiederum wird zur Gefahr, wo sich mit allem Schlechten arrangiert, es vielleicht sogar zum eigenen Vorteil ausgenutzt wird. In Fjodor Dostojewskijs „Die Erniedrigten und Beleidigten“ sind dem unverbesserlichem Idealisten und dem skrupellosem Realisten verschiedene Arten Komik beigegeben. Das Lachen hört erst bei den Figuren auf, die beide Eigenschaften miteinander verbinden. Bei ihnen bleibt der Weg zum Schlechten unbetreten und der zum Besseren wird nicht entlanggestolpert, sondern planvoll begangen. Weiterlesen

„Lass mich dir ein Vater sein“

Die Rede vom Klassengegensatz wirkt antiquiert. Nicht die Wurzel vieler Übel, sondern ihre Eindämmung mithilfe von Reformen dominiert die Tagespolitik. Dass ein Radikalwerden im wörtlichen Sinn, ein Packen der Probleme an ihren Wurzeln, ausbleibt, hat (u.a.) mit der Verschleierung des Klassengegensatzes zu tun. Seit jeher ein beliebtes Mittel fürs ideologische Handwerk: Die Kostümierung des Kapitalisten als fürsorglich-strafender Patriarch, der über die ‚Familie‘, sprich sein Unternehmen, herrscht. Weiterlesen