Kurz vor dem Dekabristenaufstand von 1825, einem Aufruhr einiger Adliger mit dem Ziel ein wenig republikanischen Einschlag in den Zarismus zu bringen, spülte es Nikolaus I. auf den russischen Thron – einen unsicheren, kleinlichen, immerzu argwöhnenden, intellektuell ganz und gar mittelmäßigen Menschen, der um seine Makel wusste und andere um ihre Talente beneidete. Nikolaus schloss den Griff ganz fest um Russland, ließ die Aufständischen hinrichten oder verbannte sie nach Sibirien, verschärfte die Zensur und richtete einen vieläugigen Spitzelapparat ein. Da er zuvor nur im Militär aktiv war, begann er nun, den Staat wie ein Regiment zu führen. Das Land wurde zu seiner Kaserne. Diese, seine Allmacht verwechselte er mit Stärke. Sie war ihm wohl Kompensation seiner Gewöhnlichkeit, doch tatsächlich nur deren stärkster Ausdruck. Was nach festem Griff aussah, war die zitternde Hand des Verunsicherten. Jede Abweichung von der eingerichteten, starren Ordnung wurde zum Zeichen des eigenen Kontrollverlusts. Nur wer ohne Selbstvertrauen ist, bezieht jede Regung auf sich selber.

Knapp ein Jahr im Amt, da wird Nikolaus auf dem Newski-Prospekt, St. Petersburgs Prachtstraße, eines Gymnasiasten mit aufgeknöpfter Uniformjacke gewahr. Der Zar setzt seine Minister in Bewegung, den Delinquenten ausfindig zu machen und das subversive Potential dessen Fehlverhaltens zu ergründen. Am Ende der Ermittlungen stand die Einsicht: Der Junge hatte einen krummen Rücken, die Jacke ließ sich schlicht nicht schließen.

In Schwäche vereint: Wladimir Putin (auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2009, Flickr, CC by-sa 2.0, Original) und Zar Nikolaus I. (auf einem Poträt von Franz Krüger, Original)

Wladimir Putin ist kein Nikolaus – zumindest nicht in jeder Hinsicht. Kein Aufstand, sondern das Erbe eines schwächelnden Jelzin und ein zweiter Krieg in Tschetschenien standen am Beginn seiner Präsidentschaft. Er teilt nicht das Mittelmaß mit dem einstigen Zaren, wohl aber dessen Ignoranz für politische Neuerungen, die auf diesen Reformstau zurückführbare aggressive Außenpolitik, das stete Misstrauen und nicht zuletzt große Unsicherheit sowie die daraus resultierende Kraftmeierei. Die Illusion des festen Griffs ist lebendiger denn je im Kreml der Gegenwart. Die Annexion der Krim, der Krieg in der Ostukraine, eingesperrte Journalisten und ermordete Oppositionspolitiker legen hiervon Zeugnis ab. Derweil werden Sozialleistungen gekürzt, es blüht die Korruption, Investitionen in Wirtschaft und Infrastruktur bleiben aus. Russische Größe ist mit dem Darben des eigenen Volkes erkauft (das in nicht geringer Zahl um diesen Preis das eigene Elend zu akzeptieren scheint). Und wieder, wie vor knapp zweihundert Jahren, wird dank des aufgeblähten Scheins von Omnipotenz jede Kleinigkeit zur Attacke.

Der Winter dieses Jahres war streng in Moskau. Mit dem Räumen des Schnees kam die Stadt kaum hinterher, zu viel Niederschlag hatte es gegeben. So galt es, sich mit der Rutschgefahr zu arrangieren; es sei denn, eine Spraydose war zur Hand. Wer mit dieser nun den Namen „Nawalny“ im Schnee hinterließ, rief das Räumkommando schneller auf den Plan als es reihenweise gestürzte Babuschkas je vermocht hätten.

Es wird deutlich: Wahre Kraft geht mit Toleranz und Gelassenheit einher. Der scheinbar allmächtige Autokrat hingegen – beileibe nicht nur der russische – ist so schwach, dass er sich vor allem fürchten muss – selbst vor der Kleiderordnung eines Schülers oder vor Schriftzeichen im Schnee.

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