Kraftmeiernde Schwächlinge

Kurz vor dem Dekabristenaufstand von 1825, einem Aufruhr einiger Adliger mit dem Ziel ein wenig republikanischen Einschlag in den Zarismus zu bringen, spülte es Nikolaus I. auf den russischen Thron – einen unsicheren, kleinlichen, immerzu argwöhnenden, intellektuell ganz und gar mittelmäßigen Menschen, der um seine Makel wusste und andere um ihre Talente beneidete. Nikolaus schloss den Griff ganz fest um Russland, ließ die Aufständischen hinrichten oder verbannte sie nach Sibirien, verschärfte die Zensur und richtete einen vieläugigen Spitzelapparat ein. Weiterlesen

Aus Washington nichts Neues

Das politische Portrait steht und fällt mit der Person, der es sich zuwendet. Wo es Pläne und Inszenierungen zu enthüllen, Weltanschauungen zu entknoten gibt, lohnt der genaue Blick; der Text kann gelingen. So wie etwa bei George Packer, der vor einigen Jahren ein großartiges Stück über die Kanzlerin für den „New Yorker“ geschrieben hat. Über die Person Angela Merkels entdeckte Packer den politischen Tiefschlaf eines ganzen Landes. Oder Henning Sußebach, der für die ZEIT Markus Söder begleitete und einen geltungssüchtigen Überehrgeizling kennenlernte, dem für den Weg nach oben keine Inszenierung zu gewagt ist. Es ist wenig überraschend, dass solche Texte über den derzeitigen amerikanischen Präsidenten nicht existieren. Weiterlesen

Horsts Evergrey – eine Polemik

Was gerne immer wieder gehört wird, was dabei seine Frische nicht einbüßt, wird Evergreen genannt. Im Gegensatz zu immergrünem Liedgut, das durch die Jahrzehnte wandert, kommt die leidige Debatte um den Islam, Deutschland und die Leitkultur mindestens als Evergrey, vielleicht auch schon als Everblack daher. Weiterlesen

Übers Beutemachen an verloren gegangenen Menschen

Geschichte wiederholt sich nicht, niemals. Doch strukturelle Ähnlichkeiten gibt es sehr wohl, sodass der Hegel’sche Satz, das Einzige, was man aus der Geschichte lernen könne, sei, dass noch nie etwas aus ihr gelernt wurde, nicht zwangsläufig wahr sein (oder: bleiben) muss. Ohne mit einem neuen konfrontiert zu sein, lassen sich etwa in Sachen diplomatischer Entspannung sicherlich Lehren aus dem (alten) Kalten Krieg ziehen; ohne aus einem Zuckerberg einen Rockefeller zu machen, lohnt in der Frage, wie mit allzu mächtigen Unternehmen umzugehen sei, bestimmt auch ein Blick auf die vorletzte Jahrhundertwende; ohne schließlich Nazi zu sagen und die AfD samt Anhänger zu meinen, kann auch der Rückblick auf die 20er und 30er Jahre, auf den Aufstieg der Rechten und die Schwäche der Linken, erhellend für die Gegenwart sein. Weiterlesen

Die Idylle Europa

Viele Menschen wollen sich im Anderen gespiegelt sehen; am nächsten ist ihnen, was Ähnlichkeit aufweist. Vermeintlich idyllisch geht es zu, wo einen Vertrautes umgibt, Veränderungen – wenn überhaupt – nur berechenbar eintreten. Das Fremde bricht in ein solches Idyll als Verunsicherung ein, es macht zementiert Geglaubtes porös. Deshalb hat bisher noch jede Idylle eine kaum passierbare Grenze umgeben – so auch die Idylle Europa, die als Zerrbild rechtskonservativer Politik heute lebendiger denn je ist. Weiterlesen

Montage contra Krieg

Vieles hat seinen gewöhnlichen Platz, ist durch die Konvention gebunden. Vor allem Sprachliches, allgemeiner: Kulturelles, überkommt die Menschen mit einer scheinbar festen Bedeutung; qua Geburt scheint es in dieser Hinsicht kein Entkommen zu geben: Die Zeichen präsentieren sich mit starrem Verweis. An der Kunst ist es, hieran zu rütteln. Sie kann montieren, Kulturelles in fremden Kontexten platzieren, so die Konvention brechen und neue Bedeutungen schaffen. Mitunter ist dieses Neue wie eine Klärung, wie ein Herabsinken von Schleiern – die Gewohnheit war dann nur Täuschung, zuweilen weit entfernt von der Realität. Zwei Beispiele, beide blutig: Weiterlesen

Eine Pharaonin aus der Uckermark

Die drängendste Frage der Gegenwart, die nach den Ursachen für den Aufstieg der Rechtspopulisten und Demagogen, der Lügner und Rassisten, kennt viele Antworten. Einige sind an dieser Stelle bereits versucht worden – die wachsende soziale Ungleichheit, eine Debatte in Extremen, Medien, die sich den Abstand zum Ereignis nicht mehr leisten (können oder wollen). Eine Antwort jedoch fehlt, taucht auch anderswo höchstens marginalisiert auf: Gemeint ist der Dämmerzustand, den etwas mehr als eine Dekade Merkel’scher Kanzlerschaft über die Demokratie in Deutschland gebracht hat. Weiterlesen

Wahlkampf (fast) ohne Politik

Dem Werbesprech einer Ankündigung auf SPIEGEL Online entgleitet ein wenig die Realität: Es geht um die Berichterstattung zur Präsidentschaftswahl in den USA und man versteigt sich tatsächlich zur Aussage, dieses gedehnte Elend sei der spannendste Wahlkampf seit Al Gore gegen George W. Bush. Viele Adjektive hätten gepasst – abstoßend, niederträchtig, niveaulos – „spannend“ (dazu noch im Superlativ) trifft die Wirklichkeit, wenn überhaupt, nur am Rande. Weiterlesen

Eine Partei ohne Resonanzboden

Die Schussfahrt geht weiter – allmonatlich gelingt der SPD das Kunststück ihre historisch niedrigen Umfragewerte noch weiter zu unterbieten. Es regiert die Ratlosigkeit rund ums Willy-Brandt-Haus; und tatsächlich ist es ein Rätsel, warum in einer Zeit, da einige Wenige den Kuchen verteilen, während sich der große Rest um die Krümel streiten darf, da die Wirtschaft sich der Unmoral noch hingebungsvoller verschrieben hat als vor der Krise von 2008, da der Steuerbetrug gleich millionenfach ans Tageslicht kommt – warum in einer solchen Zeit, eine Partei, der das Thema Gerechtigkeit ins Erbgut eingeschrieben ist, sich nicht stärker profilieren kann. Weiterlesen

Eine konturlose Welt – Über den sowjetischen Totalitarismus

Die Revolution, ja jeder kleine Aufruhr ruft zunächst „Freiheit“, womit zuvorderst die „Befreiung“ von bestimmten Zuständen oder Personen gemeint ist (Isaiah Berlin). Stellen sich Erfolge ein, so ist die Freiheit vollkommen exponiert und ungeschützt – sie kann einem leicht wieder genommen werden. Uneingeschränkte Freiheit kann auch eine Bürde sein; sie zu delegieren, es sich bequem zu machen, erscheint manch einem dann verführerisch; vielleicht wächst vereinzelt gar die Sehnsucht nach einer starken Hand. In Russland bedienten 1917 die Bolschewisten diese Sehnsucht und sie packten derart fest und geschickt zu, dass es quasi über Nacht zu einem ‚Einfrieren‘ der Zustände kam: Aus einer Möglichkeit unter vielen wurde ihr Weg zum einzig gangbaren. Weiterlesen