Verzwergung der Moral

Wer nicht arbeitet, obwohl er oder sie könnte, macht sich moralisch schuldig. Das ist gesellschaftlicher Konsens. Zum Selbsterhalt, auch zum Erhalt der Annehmlichkeiten, die einen umgeben, ist Arbeit notwendig. Gemeinschaftlich unternommen stiftet sie Gemeinsinn, der wiederum Quell des moralischen Imperativs ist: Jeder leistet seinen Teil an Arbeit, um im Gegenzug seinen Anteil am Erarbeiteten zu erhalten – so viel zum gerechten Idealzustand. Weiterlesen

Horsts Evergrey – eine Polemik

Was gerne immer wieder gehört wird, was dabei seine Frische nicht einbüßt, wird Evergreen genannt. Im Gegensatz zu immergrünem Liedgut, das durch die Jahrzehnte wandert, kommt die leidige Debatte um den Islam, Deutschland und die Leitkultur mindestens als Evergrey, vielleicht auch schon als Everblack daher. Weiterlesen

Übers Beutemachen an verloren gegangenen Menschen

Geschichte wiederholt sich nicht, niemals. Doch strukturelle Ähnlichkeiten gibt es sehr wohl, sodass der Hegel’sche Satz, das Einzige, was man aus der Geschichte lernen könne, sei, dass noch nie etwas aus ihr gelernt wurde, nicht zwangsläufig wahr sein (oder: bleiben) muss. Ohne mit einem neuen konfrontiert zu sein, lassen sich etwa in Sachen diplomatischer Entspannung sicherlich Lehren aus dem (alten) Kalten Krieg ziehen; ohne aus einem Zuckerberg einen Rockefeller zu machen, lohnt in der Frage, wie mit allzu mächtigen Unternehmen umzugehen sei, bestimmt auch ein Blick auf die vorletzte Jahrhundertwende; ohne schließlich Nazi zu sagen und die AfD samt Anhänger zu meinen, kann auch der Rückblick auf die 20er und 30er Jahre, auf den Aufstieg der Rechten und die Schwäche der Linken, erhellend für die Gegenwart sein. Weiterlesen

Wider blindes Expertentum

Wo es arbeitsteilig zugeht, ist der Experte nicht weit. Gegenwärtig krabbelt er aus allen Winkeln, die Universität spuckt ihn zu Zehntausenden aus (einer ihrer Tribute an die Wirtschaft), Zeitungen und Fernsehanstalten scheint er zum Fetisch geworden zu sein. Mit den Experten drängen die Debatten vor allem auf Entscheidungen, nicht so sehr auf Erkenntnis. Nicht ein argumentativer Austausch, der auf ein Gegenüber im Gespräch angewiesen ist und sich auf größere Zusammenhänge einlässt, der aufs Zuhören setzt und auch mit einem offenen Ende leben kann, sondern das feste Resultat beherrscht den Zeitgeist – derweil der vermeintliche Gesprächspartner möglichst geschlagen im Staub der Debatte liegen soll. Weiterlesen

Ambivalenz im Fortschritt – Tykwers „Wolkenatlas“

Manch einem Kunstwerk wird Unrecht getan, nicht weil jemand in seinem Urteil irrt, sondern weil Entscheidendes unberücksichtigt bleibt. So ist es Tom Tykwers Film „Cloud Atlas“ ergangen: thematisch überfrachtet, größenwahnsinnig im Anspruch, zu lang, zu viel Pathos, gekrönt schließlich von einigen Albernheiten, so lauteten die Urteile. Nichts davon ist falsch, doch stehen eben diese Schwachpunkte neben einer wichtigen Leistung des Films, dem Erfassen der Ambivalenz im historischen Fortschreiten. Weiterlesen

Der Wert der Werte – Über einen Tauschhandel

Nach der Moral wird am Ende gefragt, wenn die Folgen unethischen Verhaltens für jedermann sichtbar sind – das ist ein alter Hut. Als etwa die Kapitalmärkte blühten, in den Jahren vor 2008, hat kaum jemand ethische Abwägungen darüber angestellt, was eigentlich genau in den Banken mit fremder Leute Geld angestellt wird. Derlei Abwägungen hätten das Geschäft ausgebremst, zudem einen stillschweigend eingegangenen Tauschhandel in Frage gestellt. Weiterlesen

Die Idylle Europa

Viele Menschen wollen sich im Anderen gespiegelt sehen; am nächsten ist ihnen, was Ähnlichkeit aufweist. Vermeintlich idyllisch geht es zu, wo einen Vertrautes umgibt, Veränderungen – wenn überhaupt – nur berechenbar eintreten. Das Fremde bricht in ein solches Idyll als Verunsicherung ein, es macht zementiert Geglaubtes porös. Deshalb hat bisher noch jede Idylle eine kaum passierbare Grenze umgeben – so auch die Idylle Europa, die als Zerrbild rechtskonservativer Politik heute lebendiger denn je ist. Weiterlesen

Sprachlicher Etikettenschwindel – ein Streifzug

Wörter mit vernebeltem Verweis, mit einem Bezeichneten, das mitunter in sein Gegenteil verkehrt ist, waren an dieser Stelle bereits Thema; dies gleich in Reihe: der humanitäre Einsatz oder die Stabilisierungsmission für den Krieg, das Hilfspaket für die Kreditknechtschaft, das Taschengeld von Staates Gnaden für die rechtmäßige Geldleistung an den Flüchtling. Das Phänomen hat seine Breite – historisch und innerhalb des politischen Spektrums. Anhand weiterer Beispiele soll diese punktuell umrissen werden. Weiterlesen

Das Unternehmen Familie

Vom ideologischen Blendwerk, die Belegschaft eines Unternehmens als Familie zu apostrophieren – mit dem Chef als treusorgendem Patriarchen an der Spitze –, war an dieser Stelle bereits die Rede; nicht jedoch von der gegenläufigen Entwicklung – der Einholung des Unternehmertums in die Familien. Der Einzug von Effizienz und maximaler Leistungsbereitschaft hat sowohl auf die Rollenbilder der Eltern als auch auf die gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Familie erheblichen Einfluss. Von der Überforderung der Mütter über die Marginalisierung der Väter bis zum Schreckensszenario eines normierten Nachwuchses – es lässt sich kaum Positives an dieser Entwicklung feststellen. Weiterlesen