Lessings Bodensatzleserei

Ein aus der menschlichen Art geschlagenes Kind, seine mit ihm ringende Mutter und eine über diesen Kampf zerbrechende Familie – das sind die Zutaten von Doris Lessings Roman „Das fünfte Kind“, einem Buch, das sich an die Rückabwicklung mühsam erlangter Humanität macht. Weiterlesen

Mehr als „Eiapopeia fürs Volk“

Ein amerikanischer Bildungsroman, ganz unamerikanisch: Upton Sinclair dreht den litauischen Einwanderer Jurgis Rudkus – Hauptfigur seines Buches „The Jungle“ – einmal durch die Mühlen der Chicagoer Schlachthöfe. Ganz roh regiert dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Kapitalismus. Er nimmt Jurgis, einem Baum von Mann mit sanftem Gemüt, zunächst die Ersparnisse, dann Würde und Gesundheit und schlussendlich auch das freundlich-nachsichtige Wesen. Weiterlesen

Kraftmeiernde Schwächlinge

Kurz vor dem Dekabristenaufstand von 1825, einem Aufruhr einiger Adliger mit dem Ziel ein wenig republikanischen Einschlag in den Zarismus zu bringen, spülte es Nikolaus I. auf den russischen Thron – einen unsicheren, kleinlichen, immerzu argwöhnenden, intellektuell ganz und gar mittelmäßigen Menschen, der um seine Makel wusste und andere um ihre Talente beneidete. Nikolaus schloss den Griff ganz fest um Russland, ließ die Aufständischen hinrichten oder verbannte sie nach Sibirien, verschärfte die Zensur und richtete einen vieläugigen Spitzelapparat ein. Weiterlesen

Aus Washington nichts Neues

Das politische Portrait steht und fällt mit der Person, der es sich zuwendet. Wo es Pläne und Inszenierungen zu enthüllen, Weltanschauungen zu entknoten gibt, lohnt der genaue Blick; der Text kann gelingen. So wie etwa bei George Packer, der vor einigen Jahren ein großartiges Stück über die Kanzlerin für den „New Yorker“ geschrieben hat. Über die Person Angela Merkels entdeckte Packer den politischen Tiefschlaf eines ganzen Landes. Oder Henning Sußebach, der für die ZEIT Markus Söder begleitete und einen geltungssüchtigen Überehrgeizling kennenlernte, dem für den Weg nach oben keine Inszenierung zu gewagt ist. Es ist wenig überraschend, dass solche Texte über den derzeitigen amerikanischen Präsidenten nicht existieren.

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Mit dem Skalpell an der Seele

Den einen, exakt bestimmbaren Ausgangspunkt gibt es wohl für keine Abwärtsspirale. Doch der Roman braucht einen Beginn, von dem aus der langsame Niedergang eines Menschen nachgezeichnet werden kann. Dieter Wellershoff findet ihn in Die Schönheit des Schimpansen an der Universität: Klaus Jung – Student, Hoffnungsträger seiner Mutter auf gesellschaftliches Fortkommen – kämpft mit seiner Examensarbeit. Weiterlesen

Verzwergung der Moral

Wer nicht arbeitet, obwohl er oder sie könnte, macht sich moralisch schuldig. Das ist gesellschaftlicher Konsens. Zum Selbsterhalt, auch zum Erhalt der Annehmlichkeiten, die einen umgeben, ist Arbeit notwendig. Gemeinschaftlich unternommen stiftet sie Gemeinsinn, der wiederum Quell des moralischen Imperativs ist: Jeder leistet seinen Teil an Arbeit, um im Gegenzug seinen Anteil am Erarbeiteten zu erhalten – so viel zum gerechten Idealzustand. Weiterlesen

Horsts Evergrey – eine Polemik

Was gerne immer wieder gehört wird, was dabei seine Frische nicht einbüßt, wird Evergreen genannt. Im Gegensatz zu immergrünem Liedgut, das durch die Jahrzehnte wandert, kommt die leidige Debatte um den Islam, Deutschland und die Leitkultur mindestens als Evergrey, vielleicht auch schon als Everblack daher. Weiterlesen

Übers Beutemachen an unruhig gewordenen Menschen

Geschichte wiederholt sich nicht, niemals. Doch strukturelle Ähnlichkeiten gibt es sehr wohl, sodass der Hegel’sche Satz, das Einzige, was man aus der Geschichte lernen könne, sei, dass noch nie etwas aus ihr gelernt wurde, nicht zwangsläufig wahr sein (oder: bleiben) muss. Ohne mit einem neuen konfrontiert zu sein, lassen sich etwa in Sachen diplomatischer Entspannung sicherlich Lehren aus dem (alten) Kalten Krieg ziehen; ohne aus einem Zuckerberg einen Rockefeller zu machen, lohnt in der Frage, wie mit allzu mächtigen Unternehmen umzugehen sei, bestimmt auch ein Blick auf die vorletzte Jahrhundertwende; ohne schließlich Nazi zu sagen und die AfD samt Anhänger zu meinen, kann auch der Rückblick auf die 20er und 30er Jahre, auf den Aufstieg der Rechten und die Schwäche der Linken, erhellend für die Gegenwart sein. Weiterlesen

Zweierlei Verdeckendes

Manche Dinge stehen am falschen Ort; Gewohnheit oder Täuschung können sie dort platzieren – das eine ist menschlicher Irrtum beruhend auf eingeschliffenen Wahrnehmungsschemata, das andere Herrschaftsinstrument. Diese Differenzierung lässt sich anhand Swetlana Alexijewitschs Tschernobyl-Buch verdeutlichen – was zuvorderst ein literarischer Text ist, steht im Buchgeschäft bei den Sachbüchern, was eine Reaktorkatastrophe ist, wird von vielen Betroffenen unter die Kriege sortiert. Weiterlesen